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* E-Mail an J. Paulus

Mit Psychologie zum Killer? -

Profiler auf Verbrecherjagd
von Jochen Paulus
(Wissen, SWR 2, 16. Juli 2003)

 

SÜDWESTRUNDFUNK

SWR2 Wissen - Manuskriptdienst

 

 

 

“Mit Psychologie zum Killer? -

Profiler auf Verbrecherjagd”

 

 

 

Autor: Jochen Paulus

Sprecherin: Sonja Striegl

Redaktion: Sonja Striegl

Sendung: Mittwoch, 16. Juli 2003, 8.30 Uhr, SWR2

 

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Bitte beachten Sie:

Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.

Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen

Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

 

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Sprecherin:

Am Anfang sah die Tat aus wie ein brutaler, aber nicht außergewöhnlicher Mordfall. Im Herbst 1999 wurde nachts in der badischen Kleinstadt Kehl eine 20-jährige Altenpflegerin von hinten angegriffen, brutal niedergeschlagen und misshandelt. Am Tag darauf starb sie im Krankenhaus. Das Motiv glaubte die Polizei schnell zu kennen: Die Frau hatte sich nicht an die Regeln ihrer sehr traditionellen türkischen Familie gehalten. Eine Strafaktion, vermuteten die Ermittler. Doch in den nächsten Wochen wurden in der Gegend zwei weitere Menschen nachts auf die gleiche Weise attackiert. Ein Opfer starb.

 

O-Ton 1 - Harald Dern:

Was auf den ersten Blick erkennbar war, war, dass es eine schnelle, gründliche Überwältigung mitten in der Nacht gegeben hat. Zu einem Zeitpunkt mit reduziertem Zeugenaufkommen, überhaupt mit reduzierten Aktivitäten, ist da jemand, der offensichtlich sehr wach ist und der in der Lage ist, sehr schnell und sehr konsequent ein Opfer zu töten. Man hatte den Eindruck, es ging dem Täter in erster Linie darum, sehr sehr massiv und sehr sehr schnell Kontrolle zu gewinnen.

 

Sprecherin:

Als die örtliche Polizei merkte, dass offenbar ein Serienmörder umging schaltete sie eine Spezialgruppe von Ermittlern ein.

 

„Mit Psychologie zum Killer? Profiler auf Verbrecherjagd“. Eine Sendung von Jochen Paulus.

Der offizielle Name der BKA-Einheit lautet „Operative Fallanalyse“. Bekannter sind die Experten unter einem anderen Namen: Profiler. Profiler sind seit Jahren die Helden vieler Filme. Im „Schweigen der Lämmer“ schickt der Profiler Jack Crawford die junge FBI-Agentin Clarice Starling auf Killerjagd. In „Blood Work“ verkörperte vergangenes Jahr sogar Alt-Star Clint Eastwood einen Ex-Profiler, der nach einer Herztransplantation wieder auf der Suche nach einem Mörder ist.

 

Die wirkliche Geschichte des Profiling begann Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Psychoanalytiker James Brussel. In New York hielt der so genannte Mad Bomber die Stadt in Atem. Innerhalb von 17 Jahren ließ er 30 Sprengsätze explodieren und schickte mehrere anonyme Bekennerschreiben, ohne dass die Polizei ihn fassen konnte. Die Psychologieprofessorin Petra Halder-Sinn von der Universität Gießen erzählt die berühmte Fortsetzung des Falls:

 

O-Ton 2 - Professorin Petra Halder-Sinn:

Und dann hat man schließlich den Psychiater Brussel gebeten, da einmal Stellung zu nehmen, und der kam dann also nun mit der verblüffenden Erkenntnis, der Mann würde mittelalterlich sein, der Täter, er würde allein wohnen, er würde - ich glaube, römisch-katholisch iss er. Er ist nicht in Amerika geboren und vor allem kam dann zum Schluss die verblüffende Aussage, er würde bei seiner Verhaftung einen ordentlich zugeknöpften Doppelreiher tragen.

 

Sprecherin:

Und er trug einen ordentlichen Zweireiher - jedenfalls nachdem die Polizei den nachts im Schlafanzug Angetroffenen gebeten hatte, sich anzuziehen. Auch die meisten anderen Prognosen von Brussel trafen zu. Brussel war aufgrund recht skurril anmutender psychoanalytischer Überlegungen zu seinen Schlüssen gekommen. Dass der Täter Kinositze aufschlitze, deutete Brussel etwa als Ergebnis des Wunsches „seine Mutter zu besitzen oder seinen Vater zu kastrieren“. Können psychologisch bewanderte Profiler tatsächlich aus den Tatumständen so genau auf den Täter und seine Gewohnheiten schließen? Petra Halder-Sinn bleibt skeptisch:

 

O-Ton 3 - Professorin Petra Halder-Sinn:

Den Eindruck kann man da natürlich gewinnen, dass die Psychologie ganz tolle Vorhersagen machen kann. Erstens muss man mal zugeben, es ist nie hundertprozentig dokumentiert, ob dieser Fall nun tatsächlich sich so zugetragen hat, wie er allgemein kolportiert wird.

 

Sprecherin:

Vor allem arbeiten ihrer Meinung nach Profiler vom Typ Brussel letztlich mit unzuverlässigen Klischees.

 

O-Ton 4 - Professorin Petra Halder-Sinn:

Es ist meist so, dass sie gewisse Stereotypien haben. Und bestimmte Typen von Tätern vermuten und aus dieser Typologie dann einzelne Dinge ableiten. Da gibt es beispielsweise die Erkenntnis, das ist ein ordentlich zwanghafter Mensch und dann gibt es die Überlegung, was wird dieser ordentlich zwanghafte Mensch denn wohl für ein Auto fahren? Was wird er wohl anhaben? Und dann kommen eben solche Aussagen zustande. Und manchmal stimmt die Überlegung, dass ein konservativer Mensch nun einen bestimmten Autotyp fahren wird, dass er ein dunkles Auto fahren wird oder dass er einen Zweireiher trägt. Aber das passiert eben nur manchmal, dass das wirklich zutrifft.

 

Sprecherin:

Die Sache mit den dunklen Autos geht auf das FBI zurück, dessen angeblich legendären Erfolge sogar noch häufiger zitiert werden als die Geschichte von Brussel und dem Mad Bomber. Nachdem immer weniger Mörder vergleichsweise einfach unter den Verwandten und Bekannten des Opfers zu finden waren, beschloss die amerikanische Bundespolizei 1972, auf die Psychologie zu setzen und legte sich eine Gruppe von Profilern zu: die Behavioral Science Unit. Allerdings ging es dort nicht immer so wissenschaftlich zu, wie der Name „Verhaltenswissenschaftliche Einheit“ suggeriert. Die Memoiren der Chefs zeigen dies deutlich. Der Profiling-Experte Andreas Mokros von der Universität Wuppertal hält nicht viel von der besagten Schlussfolgerung, die aus einem Vergewaltigungsfall stammt:

 

O-Ton 5 - Andreas Mokros:

Beispiel ist da John Douglas, der in seinem Buch schreibt: Ich nahm an, der Täter würde ein dunkles Auto fahren, denn in meiner Erfahrung bevorzugen zwanghafte Menschen dunkle Autos. Tja, das ist dann offenbar sehr davon abhängig, welche Menschen John Douglas bis dahin kennen gelernt hat oder welche Farben die Autos seiner Nachbarn haben oder seiner Arbeitskollegen. Mit anderen Worten, die persönliche Erfahrung halte ich nicht unbedingt für ausreichend, um solche Schlüsse zu ziehen.

 

Sprecherin:

Die Ermittler der inzwischen umgetauften Behavioral Science Unit hielten sich auf ihre Spekulationen allerdings viel zugute. Die Autobiografie von Douglas erschien unter dem reißerischen Titel „Mindhunter“. Im Deutschen heißt das Werk: „Die Seele des Mörders“. FBI-Leute halfen gelegentlich auch in Deutschland aus. Zum ersten Mal 1984 in Baden-Württemberg, wo eine 47-jährige Hausfrau ermordet in ihrer Wohnung gefunden worden war. Ein Teil der Vorhersagen des FBI-Profilers stimmte, ein anderer nicht. Seit gut fünf Jahren bietet das BKA in Deutschland den Polizeidienststellen nun eigene Fallanalysen an. Es beschäftigt dafür ein Dutzend Kriminalisten und zwei Psychologen. Die Bundesländer unterhalten kleinere Teams. Versuchen nun auch deutsche Beamte Blicke in die Seele des Mörders? Hauptkommissar Harald Dern vom Bundeskriminalamt:

 

O-Ton 6 - Harald Dern:

Nein, das können wir mit Fug und Recht und auch gerne sagen, auch wenn das natürlich den Schatten des Ruhmes, den die amerikanischen Profiler uns auch über den Teich anbieten, für uns nicht zugänglich macht. Wir müssen uns auf objektive Daten gründen. Es ist doch vollkommen klar: Da ist ein Mensch plötzlich tot und wir wissen nicht, wie es dazu gekommen ist, aber wir sehen zum Beispiel: Wir haben ein bestimmtes Verletzungsmuster. Wir sehen die Tatort-Charakteristiken, wir wissen, was das für ein Mensch war. Was er für einen Bewegungsradius hatte. Wir haben zum Beispiel Spuren. Der Täter hat ein Werkzeug des Tatortes benutzt und hat es am Tatort belassen. Das sind Dinge, die eindeutige Verhaltensentscheidungen auch widerspiegeln. Und wenn wir uns von diesen objektiven Daten lösen würden, würden wir den einzigen Trumpf, den wir in der Hand haben, leichtfertig aus der Hand geben. Das können wir absolut nicht machen.

 

Sprecherin:

So blieb im Fall der Kehler Mordserie von 1999 das Profil der BKA-Beamten nahe an dem, was die Polizei über die inzwischen vier bekannten Taten wusste.

 

O-Ton 7 - Harald Dern:

Wir hatten zum Beispiel nach der letzten Analyse dann auf einmal schon einen recht sicheren Eindruck, das muss jemand sein, der fast wie ein Kampfsportler - so ein Ninja-Kampfsportler - unsichtbar im Dunkeln ist, vielleicht auch durch eine dunkle Kleidung schlecht wahrgenommen werden kann. Der dann plötzlich mit der Konsequenz eines Kampfsportlers sehr hart und sehr präzise und sehr schnell zuschlägt und dann in der Art eines Raubtiers, das seine Beute in einen sichtgeschützten Bereich hineinzieht, unauffällig in der Lage ist, vorzugehen, dabei gewisse Ordnungsdinge auch durchaus vor Augen hat, also zum Beispiel Spuren, die auf die Überwältigung der Frau hindeuten wie ein verlorener Schuh, ne verlorene Tasche, ne verlorene Haarspange, was es da alles gibt - solche Dinge einzusammeln und damit die Sichtbarkeit der Tat zu reduzieren.

 

Sprecherin:

Auch in Deutschland machen immer mal wieder Profiler Schlagzeilen, die nicht zum Team des Bundeskriminalamts oder eines der Landeskriminalämter gehören, und die versuchen, sich irgendwie in die Psyche des Täters hineinzuversetzen. Der Bielefelder Soziologie- und Psychologie-Dozent Volker Ludwig wird gelegentlich von der Polizei bei Ermittlungen hinzugezogen. So ging er etwa im Fall des Mordes an der Uelzener Schülerin Yasmin Stieler durch die Medien. Er müsse auch mit dem Täter mitfühlen können, der die Leiche des Mädchens zerstückelt hatte, zitierte die „Zeit“ den selbst ernannten Profiler. Andreas Mokros lehnt solch intuitives Einfühlen ab.

 

O-Ton 8 - Andreas Mokros:

Ich halte das für ziemlichen Mumpitz. Da wird eine große Show betrieben in diesem Bereich und da gibt es dann einige Epigonen, die halt auch ein gewisses Flair um sich herum kreieren, durch Medienauftritte und dergleichen. Also diese Vorstellung, man könne sich am Tatort hineinversetzen und die Motivation oder die Psychodynamik des Täters gewissermaßen erspüren, halte ich wirklich für dem 21. Jahrhundert nicht mehr angemessen.

 

Sprecherin:

Das BKA kritisiert solche Konkurrenten zwar nicht namentlich, hat aber trotzdem eine klare Meinung. Michael Baurmann, einer der beiden Psychologen bei den Fallanalytikern:

 

O-Ton 9 - Michael Baurmann:

Es gibt so genannte freie Profiler, wenn sie die fragen, also jeder Fall ist bei denen ein sadistischer Mörder. Und das stimmt nicht. Und dann lese ich den Fall auch falsch. Es geht darum, auch das Normale, das Übliche, das Banale im Fall mitlesen zu können. Und nicht nur das Schwerwiegende im Delikt.

 

Sprecherin:

Schon die Profiling-Pioniere des FBI waren fasziniert von Serienmördern und Sadisten, die es anders als in Revolverblättern in der Wirklichkeit aber nur selten gibt. Die FBI-Leute versuchten sogar, ihnen wissenschaftlich beizukommen. Anfang der 80er Jahre untersuchten sie 36 Sexualmörder, darunter etliche Serientäter. Anschließend behaupteten sie, es gebe unter ihnen zwei verschiedene Typen. Zum einen die so genannten geordneten oder planenden Mörder, die erkennbar wohlüberlegt zuschlagen. Und die ungeordneten, nicht planenden Killer, die einen chaotischen Tatort hinterlassen. Petra Halder-Sinn dazu:

 

O-Ton 10 - Professorin Petra Halder-Sinn:

Und sie haben dann aus dieser Typologie wiederum ganz bestimmte Aussagen über das Verhalten, über die Lebensumstände des Täters abgeleitet. Dass nun der ungeordnete Täter häufig der soziale Loser ist, dass er alleine lebt, dass er nicht erfolgreich ist, dass er keine Berufsausbildung hat, dass er sich finanziell auch sehr schlecht stellt, dass er keine Freunde hat.

 

Sprecherin:

Die Psychologieprofessorin stört an dieser Studie nicht nur die kleine Stichprobe, auf die sie sich stützt. Der ganze Ansatz, Menschen in verschiedene, klar unterscheidbare Typen einzuteilen, ist in ihren Augen veraltet.

 

O-Ton 11 - Professorin Petra Halder-Sinn:

Im Grunde genommen muss man davon ausgehen, es ist wie überall in der Psychologie: Es gibt keine eindeutigen Typen, sondern die Mehrzahl der Personen sind einem Mischtypus zuzuordnen. Und Typologien haben sich insgesamt als nicht sehr hilfreich erwiesen in der Psychologie.

 

Sprecherin:

Folgerichtig fiel die FBI-Typologie bei einer Überprüfung in Deutschland durch. Der Düsseldorfer Kriminalist Stephan Harbort überprüfte das Schema an 22 deutschen Serien-Sexualmördern. Er kontrollierte beispielsweise, ob bei der Tat ungeordnete Mörder unterdurchschnittlich intelligent sind, wie vom FBI prophezeit. Nur in 44 Prozent der Fälle trafen die Vorhersagen zu. So kommt es auch in der Praxis immer wieder zu peinlichen Fehlprognosen - wie etwa voriges Jahr im Sniper-Fall von Washington. Die meisten Profiler, die sich in den Medien äußerten, tippten auf einen Einzeltäter - tatsächlich waren zwei Mörder am Werk. Die Profiler rechneten mit einem weißen Täter, doch beide waren Farbige. Einige der blamierten Profiler waren vorher bei Polizei und FBI gewesen. Nun urteilten sie zwar nur anhand von dem, was sie aus der Zeitung wussten. Ob sie allerdings vorher, mit Zugang zu den Akten, solider vorgingen, ist fraglich. BKA-Psychologe Baurmann:

 

O-Ton 12 - Michael Baurmann:

Ich hoffe, dass sie früher besser gearbeitet haben, wobei wir wissen aus einigen Veröffentlichungen, wo sie sich selbst beweihräuchern, dass da auch eine sehr dubiose Selbstdarstellung stattfindet.

 

Sprecherin:

Zu dieser Art von Profiling, das zuweilen einem Blick in die Glaskugel ähnelt, gibt es ein Gegenmodell, das freilich auch seine Probleme hat: den statistischen Ansatz. Der führende Verfechter ist der britische Psychologieprofessor David Canter.

 

O-Ton 13 - Professorin Petra Halder-Sinn:

Canter an der Universität Liverpool, er versucht eine ganz empirisch fundierte Analyse des Tathergangs und der Täterpersönlichkeit. In dem über viele Fälle hinweg erhoben wird, welche Tatmerkmale mit einem ganz bestimmten Delikt verbunden sind und verbunden sind mit einem ganz bestimmten Täterverhalten.

 

Sprecherin:

Ein bisschen also wie in der Mörderstudie des FBI, aber wissenschaftlich weit fundierter - mit größeren Fallzahlen und ausgefeilten statistischen Methoden. Darum sind die Erkenntnisse viel zuverlässiger. Die Frage ist bloß, ob sie in der Praxis weiter helfen.

 

O-Ton 14 - Professorin Petra Halder-Sinn:

Vor allem, wenn man also nun die frühen FBI-Fälle im Auge hat, dann sind die Ergebnisse der Briten sehr viel weniger spektakulär. Sie sind sehr viel schlichter, da wird zum Beispiel einfach festgestellt, dass Sexualstraftäter relativ häufig schon vor der Tat intensiv Pornografie konsumieren. Es werden Merkmale festgestellt, die sehr viel mehr tatnäher sind und die nicht diese verblüffenden Erkenntnisse darstellen wie etwa der bekannte Zweireiher.

 

Sprecherin:

Wissenschaftlich sind manche Erkenntnisse durchaus wertvoll, die bei solchen Studien anfallen. Andreas Mokros:

 

O-Ton 15 - Andreas Mokros:

Es gibt in diesem Zusammenhang einige, vor allem kanadische Studien, die interessanterweise gezeigt haben, dass es tatsächlich dort Zusammenhänge gibt zwischen dem Ausmaß der Gewaltanwendung beispielsweise und Persönlichkeitsstörungen. In diesem Maße zeigen sich vor allem Zusammenhänge mit der antisozialen Persönlichkeitsstörung, aber auch mit narzisstischen Störungen.

 

Sprecherin:

Besonders brutale Vergewaltiger empfinden also häufig kein Mitleid mit anderen und interessieren sich vor allem für sich selbst. Aber was hat die Polizei davon, wenn sie weiß, dass sie hinter einem Narzissten her ist? Das kann man ja schlecht auf den Steckbrief schreiben.

 

O-Ton 16 - Andreas Mokros:

Ob jetzt jemand auf einer sehr elaborierten psychologischen Skala einen sehr hohen Wert erreicht oder auch nicht, das wird unter Umständen den Ermittlern vor Ort ja nur wenig dienen.

 

Sprecherin:

Mokros hält daher andere Dinge für viel wichtiger.

 

O-Ton 17 - Andreas Mokros:

Wir haben uns die Frage gestellt, ob es denn wirklich möglich ist, anhand des Tatverhaltens Rückschlüsse zu ziehen, die sich nicht auf Persönlichkeitseigenschaften im engeren Sinne, sondern tatsächlich soziodemografische Merkmale beziehen. Das heißt, auf das Alter, die Frage ob jemand einen Beruf hat, verheiratet ist oder in einer Beziehung lebt und dergleichen, denn das sind ja die kriminalistisch wirklich wichtigen Fragestellungen.

 

 

Sprecherin:

Zusammen mit einem britischen Kollegen nahm Mokros sich die Akten von 100 Vergewaltigern vor. In einer letztes Jahr veröffentlichten Studie analysierten sie zunächst, wie der Täter vorgegangen war.

 

O-Ton 18 - Andreas Mokros:

Wie hat sich der Täter dem Opfer genähert? Hat er einen so genannten Vertrauenstrick eingesetzt, sich das Vertrauen des Opfers erschlichen, oder hat er unmittelbar mit einem hohen Maß an Gewalt versucht, das Opfer widerstandsunfähig zu machen?

 

Sprecherin:

Dann überprüften sie mathematisch, ob diese Tatmerkmale Rückschlüsse auf leicht identifizierbare Eigenschaften des Täters zulassen. Das ist beim Profiling die alles entscheidende Frage.

 

O-Ton 19 - Andreas Mokros:

Deshalb haben wir uns darauf konzentriert und haben dann festgestellt - nicht ganz überraschend meiner Meinung nach -, dass dort kein eindeutiger linearer Zusammenhang besteht. Das heißt, es ist also nicht so, dass man sagen kann, dass jemand, der wenig gewalttätig ist immer jünger ist als vergleichbar gewalttätigere Täter oder dergleichen.

 

Sprecherin:

„Ist Profiling von Straftätern möglich?“, lautet der Titel dieser Studie. Die Antwort lautet nein - zumindest kann es so, wie es sich die Profiler erträumt hatten, nicht funktionieren. Es ist nicht möglich, aus der Tat direkt auf den Täter zu schließen. Das liegt daran, dass es eben nicht bestimmte Typen von Tätern gibt, die sich jeweils durch ein typisches Vorgehen verraten würden. Sogar ein und derselbe Täter kann durchaus auf unterschiedliche Arten zuschlagen. So war es in der Kehler Mordserie, mit der es Harald Dern und seine Kollegen zu tun hatten.

 

O-Ton 20 - Harald Dern:

Dann gab es einen Wechsel des Tatwerkzeugs. Während zunächst mit einem Gegenstand sehr, sehr brutal geschlagen wurde, wurde später gestochen. Hätte man sagen können, müssen wir es nicht mit zwei Tätern zu tun haben? Der eine schlägt, der andere sticht. Aber es gab zwischendurch einen Versuch, da hatte der Täter auch in den frühen Morgenstunden ein Opfer angegangen und geschlagen, aber der Ehemann kam hinzu und konnte die Tat verhindern. Das Opfer konnte also um Hilfe schreien. Da hat der Täter einfach gelernt. Täter lernen ja, Täter sind ja nicht so dumm, wie man es oft darstellt und hat gesagt, das passiert mir nicht noch mal, das nächste Mal nehme ich ein Messer.

 

Sprecherin:

Was angesichts dieser Schwierigkeiten übrig bleibt, ist eine möglichst genaue, streng logische Rekonstruktion eines Falls. Darum sprechen die BKA-Spezialisten statt von Profiling lieber von Fallanalytik. Eine Täterbeschreibung mit bescheidenen Ansprüchen ist ein Teil davon. Der Wechsel des Tatwerkzeugs sagte den Kriminalisten etwa immerhin, worauf es dem Täter ankam.

 

 

O-Ton 21 - Harald Dern:

Und insofern war der plötzliche Einsatz eines Messers einerseits sehr logisch gewesen, und hat andererseits aber auch gezeigt, dass es diesem Täter nicht um irgendwelche Dinge ging, die schwer und subtil nachzuvollziehen sind, sondern es ging ihm darum, ein Opfer so schnell wie möglich zu kontrollieren, eventuell auch so schnell wie möglich zu töten.

 

Sprecherin:

Anhand solcher Überlegungen konnten die Experten eine Vermutung riskieren, welche Art Vorstrafen ihr Mann wahrscheinlich aufzuweisen hatte.

 

O-Ton 22 - Harald Dern:

Wir haben dann auch darüber nachgedacht, ob dieser Täter als Gewalttäter in einer bestimmten Art und Weise bereits in Erscheinung getreten sein könnte, haben diese Hypothese auch geäußert, auch in die Ermittlungen hineingetragen. Und es hat sich bestätigt, dass es tatsächlich so war. Dass es jemand ist, der durch ein in Anführungsstrichen unvernünftiges Gewaltdelikt bereits aufgefallen ist. Der hat irgend jemanden zusammengeschlagen und dann bös auf ihn eingestochen in einer Diskothek, als es um eine Frau ging.

 

Sprecherin:

Mit ähnlichen Plausibilitätsüberlegungen kamen die Fallanalytiker zu ihrer Altersprognose: Der Täter würde zwischen Anfang 20 und Mitte 30 sein. Das stellte sich am Ende als zutreffend heraus. Trotzdem klingt die Aussage nicht nach einem besonderen Kunststück. Schließlich sind die meisten Gewalttäter eher jung. Doch BKA-Psychologe Baurmann will diesen Einwand nicht gelten lassen.

 

O-Ton 23 - Michael Baurmann:

Die Aussage, Zwanzig- bis Dreißigjährige ist keine Kunst, weil da sowieso die meisten Täter drin liegen, das stimmt nicht. In den meisten Tötungsdelikten und Vergewaltigungen ist die Haupttätergruppe zwischen 18 und 25, das heißt, sehr junge Erwachsene und junge Männer. Man kann nur umgekehrt schließen: Wenn jemand eine solche Sequenz von Delikten hinlegt und wir darüber hinaus vermuten, dass er schon vorbestraft ist oder vorher schon aggressive Delikte begangen hat, dann muss er rein rechnerisch eine gewisse Zeit schon gelebt haben. Er muss eine gewisse Karriere hinter sich haben. Und dann kommt man sehr leicht in Richtung zwanzig bis dreißig. Aber das ist nicht die typische Tätergruppe für Gewaltdelikte. Insofern war diese Aussage gemessen an der polizeilichen Kriminalstatistik eher eine gewagte.

 

Sprecherin:

Interessanterweise verdankt auch der Psychologieprofessor David Canter seinen Ruhm nicht etwa seinen anspruchsvollen statistischen Studien mit ihren eher bescheidenen Ergebnissen. Er erwarb ihn sich mit seinem aller ersten Fall, und den löste er mit schlauen Plausibilitätsüberlegungen aus dem Stand. 1986 suchte die Polizei von London vergeblich nach einem Mann, der 24 Frauen vergewaltigt und zwei ermordet hatte. Meist schlug er in der Nähe von Bahnhöfen zum, was ihm den Spitznamen „Railway Rapist“ eingetragen hatte. Canter sah sich die Lage der Tatorte genauer an. Dazu der Psychologe Jens Hoffmann von der Universität Darmstadt, Herausgeber eines Fachbuchs über Profiling:

 

O-Ton 24 - Jens Hoffmann:

Als er die Punkte, die Tatorte in eine zeitliche Reihenfolge gebracht hat, gab es wie so eine Art Spiralform. Das heißt, am Anfang waren sie so in einem kleineren Bereich und gingen immer weiter auseinander. Wurden immer größer. Und dann hat er folgendes gesagt: Okay. Ein Täter am Anfang ist noch nervös und wird relativ nah an seinem Wohnort oder an einer sicheren Basis, einem Ankerpunkt, seine Taten begehen, weil er wieder an einen sicheren Ort will, weil er nervös ist. Er wird aber einen gewissen Abstand halten, weil er nicht erkannt werden möchte. Und mit zunehmender Gewissheit wird er sich dann mutig fühlen, sich weiter zu entfernen, seinen Aktionsradius auszubreiten. Und das war eben genau das Muster und dadurch konnte er einen Stadtteil Kilburn feststellen.

 

Sprecherin:

Die Polizei überprüfte gerade eine Liste von fast 2.000 Verdächtigen, die durch Gewalttaten aufgefallen waren. Ein gewisser John Duffy, der seine Ehefrau vergewaltigt hatte, stand auf Platz 1.505 und somit erst in einiger Zeit zur Überprüfung an. Aber er wohnte als einziger im von Canter anvisierten Stadtteil Kilburn. Die Polizei zog ihn vor und fand bei einer Hausdurchsuchung Beweise gegen ihn, bevor er wieder zuschlagen konnte. Doch der spektakuläre Erfolg ließ sich in späteren Fällen nicht wiederholen.

 

O-Ton 25 - Jens Hoffmann:

Canter hat das weiter systematisiert und auch Software entwickelt. Was er interessanterweise vor einem halben Jahr auf einer Konferenz gesagt hat: Dieses eine Muster, das zum Erfolg geführt hat damals, weswegen ich überhaupt angefangen habe, dieses klare Muster habe ich nie wieder gefunden in Hunderten von Fällen danach. Also, es war auch schon ein bisschen ein Glücksgriff damals, muss man sagen.

 

Sprecherin:

Wenn aber auch Profiler letztlich auch nur einen Fall individuell analysieren und so Theorien zum Tatgeschehen entwickeln, wo ist dann der große Unterschied zum traditionellen Vorgehen von Kriminalisten? BKA-Psychologe Baurmann:

 

O-Ton 26 - Michael Baurmann:

Grundsätzlich ist kein Unterschied. Wir selbst hier in unserem Team arbeiten auch gegen diese Mythenbildung, dass Profiling kriminalistisch etwas ganz, ganz anderes ist.

 

Sprecherin:

Allerdings haben die Spezialisten zwei Vorteile gegenüber anderen Ermittlern. Zum einen verfügen sie über kriminologisches Wissen, das sie zum Teil in eigenen Studien gewonnen haben. Daraus können sich wertvolle Hinweise ergeben. Kriminalpsychologe Hoffmann:

 

O-Ton 27 - Jens Hoffmann:

Es ist auch die Sache, dass Profiling nicht die neue Wunderwaffe ist, sondern es ist eigentlich eine Systematisierung von kriminalistischer Arbeit und kriminalistischem Denken. Ich denke, mit psychologischen Erkenntnissen und Wissen über das Verhalten von Tätern angereichert, das systematischer ist. Wenn man weiß, dass eine bestimmte Art von Vergewaltigern häufig auch Einbrecher sind, ihre Taten in Wohnungen begehen, oft auch Einbruchsvorstrafen haben - eine sehr wichtige Information - ist es doch sinnvoll, diese Erkenntnis aus Studien zu nutzen, aber im Einzelfall zu validieren, ob das stimmt. Also, ist das ein erfahrener Einstieg gewesen, beispielsweise?

 

Sprecherin:

Der zweite große Vorteil der Fallanalytiker: Sie haben Zeit, alle Erkenntnisse und Theorien in Ruhe zu überdenken. Sie ziehen sich tagelang zurück, stellen Hypothesen auf und prüfen sie auf Schwachstellen.

 

O-Ton 28 - Michael Baurmann:

In einer normalen Sonderkommission, sagen uns die Beamten immer wieder, haben sie normalerweise nicht die Zeit, sich eine Woche lang Hypothesen bildend nur mit dem Fall auseinander zusetzen. Eine Sonderkommission ist dadurch geprägt, dass vor allem in der Anfangszeit sehr, sehr viele Eindrücke reinkommen, sehr vieles organisiert werden muss, sich die Sonderkommission selbst organisieren muss. Sehr viele Spuren, also es gibt Fälle, da liest man dann in der Zeitung, das hört man dann auch - da gibt es eintausend, zweitausend, dreitausend Spuren, die verfolgt werden müssen. Diese Hinweise. Und das führt immer wieder zu falschen Hypothesen. Weil jede einzelne Spur ist ja eine Hypothese. Und in diesem Hypothesen-Wirrwarr findet sich der normale Sonderkommissions-Beamte nicht mehr zurecht.

 

Sprecherin:

Gemessen an ihrem Ruf verfügen Profiler also über vergleichsweise bescheidene Stärken. Doch in etlichen Fällen können die Spezialisten damit bei Ermittlungen entscheidend helfen. Eine Überprüfung, die von der Freien Universität Berlin gemacht, aber noch nicht veröffentlicht wurde, bescheinigt den Wiesbadenern laut Baurmann gute Ergebnisse.

 

O-Ton 29 - Michael Baurmann:

Wenn man das mal so im Mittel nimmt, liegen wir bei unseren Tatrekonstruktionen bei etwa so um die 80 - 85 Prozent Treffer. (Das heißt, 80 - 85 Prozent unserer Aussagen sind richtig.) Beim Täterprofil liegt es ein bisschen niedriger. Da liegt es etwa bei 75 - 80 Prozent.

 

Sprecherin:

So auch bei der Mordserie von Kehl. Es gelang den BKA-Leuten, die Polizei davon zu überzeugen, dass auch Morde jenseits der deutsch-französischen Grenze auf das Konto desselben Täters gingen. Aufgrund des Täterprofils vernahm die französische Polizei einen Verdächtigen, der zwei Morde gestand. Er entpuppte sich als Kampfsportler, der gelegentlich in Tarnkleidung herumlief - genau wie die Profiler vermutet hatten.

 

 

 

 

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Literatur:

 

Cornelia Musolff, Jens Hoffmann (Hrsg.)

„Täterprofile bei Gewaltverbrechen

Mythos, Theorie und Praxis des Profilings“

Springer 2001

 

Jens Hoffmann, Cornelia Musolff

„Fallanalyse und Täterprofil“, BKA Forschungsreihe 52

http://www.bka.de/pub/veroeff/band/band52/001_312.pdf

 

Markus Föhl

„Täterprofilerstellung. Ein methodenkritischer Vergleich aus rechtspsychologischer Perspektive“

Frankfurt, Verlag für Polizeiwissenschaft 2001

 

Brent E. Turvey. Contrib.: Det. John J. Baeza

“Criminal profiling: an introduction to behavioral evidence analysis”

Academic Press, 2002

 

 

 


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