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* E-Mail an J. Paulus

Bremse für den Gedächtnisverfall
Alzheimer lässt sich erkennen und hinauszögern

von Jochen Paulus
(Wissen, SWR 2, 24. 5. 2006)

SÜDWESTRUNDFUNK

SWR2 Wissen - Manuskriptdienst

 

 

Autor: Jochen Paulus

Sprecher/in: Hans Michael Ehl und Sonja Striegl

Redaktion: Sonja Striegl

Sendung: Mittwoch, 24. Mai 2006, 8.30 Uhr, SWR2 (Archiv-Nr.: W109339)

Wiederholung: Mittwoch, 15. August 2007, 8.30 Uhr, SWR2

 

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Bitte beachten Sie:

Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.

Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen

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Sprecher:

Vor einiger Zeit begann Horst Winkler, sich ernsthaft Sorgen um sein Gedächtnis zu machen. Wenn der 55-Jährige beispielsweise sein Auto mangels Garage abends wieder mal ein bisschen weit weg von der Wohnung parken musste, hatte er am Morgen Probleme.

 

O-Ton 1 - Horst Winkler:

Dass ich dann am nächsten Tag nicht mehr weiß, Mensch, wo hast du die Karre eigentlich abgestellt? Welche Straße war denn das noch?

 

Sprecherin:

„Bremse für den Gedächtnisverfall - Alzheimer lässt sich erkennen und hinauszögern“. Eine Sendung von Jochen Paulus.

 

O-Ton 2 - Horst Winkler:

Das heißt, mir geht also kein Licht auf. Aber ich ahne dann, ja das könnte jetzt hier die Neuhof-Straße sein, wo du rein musst und dann vielleicht irgendwo quer in der Weberstraße. Da könnte er stehen. Das ist natürlich sehr unersprießlich, wenn ich einen Termin habe, wo ich mit dem Auto hin muss und das kostet mich dann also sinnlose zehn Minuten oder gar eine Viertelstunde.

 

Sprecher:

Horst Winkler arbeitet für ein kleines Anzeigenblatt, schreibt die Artikel und organisiert Anzeigen. Da ist es misslich, wenn das Gedächtnis nicht richtig funktioniert. Einmal wollte er zu einer Ratssitzung, aber er hatte den Termin verwechselt und fand sich im falschen Stadtteil wieder. Viele Menschen fangen wie Winkler schon früh an, sich Sorgen um ihr Gedächtnis zu machen. Lange vor dem Rentenalter stöhnen sie, dass ihnen der Name eines Bekannten oft nicht einfällt oder sie immer wieder ihre Autoschlüssel verlegen. Lange Zeit nahmen Gedächtnisspezialisten solche Klagen nicht weiter ernst. Noch vor zehn Jahren meinte der renommierte Gedächtnisforscher Daniel Schacter von der Universität Harvard, Anlass zur Sorge gebe es erst, „wenn Sie vergessen, dass Sie ein Auto haben, oder Ihnen Ihr eigener Name nicht einfallen will“. Inzwischen sehen viele Fachleute Gedächtnisprobleme jedoch nicht mehr so entspannt. Schon vergleichsweise harmlose Aussetzer könnten Alarmzeichen sein. Um auch sie zu erfassen, haben Wissenschaftler Tests entwickelt, die gar nicht so einfach zu bestehen sind. Der Mediziner David Prvulovic von der Uniklinik Frankfurt setzt solche Tests oft ein. Auch Horst Winkler ging zu ihm.

 

O-Ton 3 - David Prvulovic:

Ich werde ihnen jetzt eine Liste von zehn Wörtern, zehn Begriffen zeigen. Ihre Aufgabe ist es, jedes Wort laut vorzulesen, wenn ich es ihnen zeige. Und bitte versuchen Sie, sich jedes Wort auch gut einzuprägen.

 

Sprecherin:

Butter, Arm, Strand, Brief, Königin, Hütte, Stange, Karte, Gras, Motor - Butter, Arm, Strand, Brief, ...

 

 

Sprecher:

Zehn Wörter, die wenig miteinander zu tun haben. Und obwohl es drei Durchgänge gibt, ist es nicht leicht, alle Zehn zu behalten und anschließend aufzuzählen. Manche haben mit diesem Test ziemliche Schwierigkeiten.

 

O-Ton 4 - David Prvulovic:

Bei den Leuten, bei denen es wirklich kritisch ist, die kriegen beim ersten Durchgang, drei, vier, höchstens zusammen. Wenn überhaupt, und dann sind es in der Regel die letzten vier, die gerade noch so als Nachhall im Arbeitsgedächtnis vorliegen und beim nächsten Durchgang sind diese vier auch schon wieder weg und dann sind es die jeweils Letzten, die dann immer dran kommen.

 

Sprecher:

Bei einem anderen Test geht es darum, schnell die richtige Bezeichnung für ein Bild zu finden. Auch das ist eine Leistung des Gedächtnisses - es muss die Bezeichnung ja gespeichert halten, um sie bei Bedarf prompt zur Verfügung zu stellen. Andernfalls wird einem etwa das Wort „Vulkan“ nicht einfallen.

 

O-Ton 5 - David Prvulovic:

Sie sehen hier einen Feuer speienden Berg zum Beispiel. Sie glauben gar nicht, wie viele Leute mir dann sagen: Das ist ein Vesuv. Leute, die aber ansonsten keine relevanten Störungen haben.

 

Sprecher:

Wer bei einem solchen Test durchfällt, muss deswegen noch lange nicht an Alzheimer erkrankt sein. Trotzdem, und das ist die neue Erkenntnis der Demenzforscher, könnte sich diese gefürchtete Krankheit im Gehirn bereits langsam ausbreiten. Hinter den ersten Gedächtnisproblemen könnte eine so genannte „leichte kognitive Beeinträchtigung“ stecken. Sie ist häufig. Jeder sechste jenseits des 65. Lebensjahres ist Studien zufolge davon betroffen. Dieses erst seit wenigen Jahren intensiv erforschte Phänomen ist wahrscheinlich nichts anderes als die erste, subtile Phase von Alzheimer. Johannes Pantel, Leiter der Gerontopsychiatrie der Frankfurter Universitätsklinik, erforscht die leichte kognitive Beeinträchtigung und nennt vier Merkmale:

 

O-Ton 6 - Johannes Pantel:

Erstens ein subjektives Klagen über diese Störungen. Zweitens eine testpsychologische Objektivierung, wobei die individuellen Testbefunde mit den Normwerten gleichaltriger Erwachsener verglichen werden. Drittens, das Ganze muss über einen bestimmten Zeitraum vorhanden sein, also nicht nur einmal oder zwei Mal, sondern konsistent über mehrere Monate und viertens, es muss eine Demenz gewissermaßen ausgeschlossen sein. Das heißt die alltagspraktischen Fähigkeiten, also die Selbstversorgung im Alltag muss noch erhalten sein.

 

Sprecher:

Wer an einer „leichten kognitiven Beeinträchtigung“ leidet, fällt im Alltag noch nicht groß auf. Aber Schwierigkeiten gibt es - nicht nur mit dem Gedächtnis. Die Betroffenen können sich nicht mehr so recht konzentrieren. Das Interesse an Neuem ist gering und es ist nicht leicht, sich in neuen Umgebungen zurechtzufinden. Die Stimmung schwankt. Oft geht das Lesen nicht mehr so gut oder der Umgang mit Geld. Solche Probleme sind keine normalen Alterserscheinungen. Wer Alt wird, wird zwar in vielem langsamer, aber Alt sein heißt nicht, dass Fähigkeiten verschüttet werden.

 

O-Ton 7 - Johannes Pantel:

Also, wenn es mir dauerhaft nicht mehr gelingt, mich zu erinnern, was ich beispielsweise am letzten Wochenende unternommen habe, wenn es mir dauerhaft nicht mehr gelingt, mir beim Einkaufen selbst einfachste Einkaufslisten oder einfachste Gegenstände nicht mehr zu merken, die ich im Haushalt benötige, dann ist das schon Besorgnis erregend. Wenn ich allerdings insgesamt nicht mehr so schnell bin, wenn ich nicht mehr so flexibel bin, wenn ich für die eine oder andere kognitive Leistung etwas langsamer brauche, dann wäre es möglicherweise eher ein Alterseffekt.

 

Sprecher:

Horst Winkler ging erstaunlich gefasst in die Untersuchungen, die Klarheit darüber schaffen sollten, ob er an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder schlimmstenfalls an einer Demenz leidet.

 

O-Ton 8 - Horst Winkler:

Ich hab’ also selber vorher festgestellt, dass es nicht mehr so ist wie vielleicht noch vor einer ganzen Reihe von Jahren. Und wenn man mir gesagt hätte: Okay, bei Ihnen setzt also die Demenz ein, hätte ich das so hinnehmen müssen, wie es ist. Was soll ich dagegen machen?

 

Sprecher:

Glücklicherweise bestand kein Anlass zur Sorge.

 

O-Ton 9 - Horst Winkler:

Ach Gott, ich war eigentlich recht gut zufrieden. Dr. Prvulovic meinte, dass ich doch recht schnell die zehn Gegenstände mir gemerkt hätte und in der richtigen Reihenfolge wiedergegeben hätte. Hat mich ein bisschen getröstet, ja.

 

Sprecher:

Das erlebt der Demenzforscher Prvulovic öfter. Viele, die zu ihm kommen, haben nicht nur keine Demenz, sondern noch nicht einmal eine leichte kognitive Beeinträchtigung. Darunter sind Leute, die berichten, dass sie früher vier Sprachen spielend leicht gelernt hätten, aber ihnen jetzt beim Spanisch-Kurs das Vokabelpauken schwerer falle.

 

O-Ton 10 - David Prvulovic:

Und wenn wir diese Leute dann testen und stellen fest, sie schneiden hier hervorragend ab, dann haben diese Menschen zunächst einmal keine Diagnose einer leichten kognitiven Beeinträchtigung.

 

Sprecher:

Für solche Menschen ist die Prognose gut. Sie haben keinen Grund, sich vor einer baldigen Demenz zu fürchten. Bei denjenigen mit ernsthaften Gedächtnisproblemen zeigen sich dagegen oft auch im Gehirn schon erste Anzeichen von Alzheimer. James Galvin von der amerikanischen Universität Saint Louis und sein Team veröffentlichten im Frühjahr 2005 die Autopsie-Ergebnisse von 24 Senioren, die an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung litten, als sie starben. Bei 18 von ihnen entdeckten die Forscher die für Alzheimer typischen Ablagerungen im Gehirn. Diese Menschen waren also eigentlich bereits an Alzheimer erkrankt, obwohl sie im Alltag noch ganz gut zurechtkamen. Bei vier Weiteren reichte es noch nicht zur Diagnose von Alzheimer, doch auch bei ihnen fanden sich bereits einzelne dieser Ablagerungen. Insgesamt wiesen damit 90 Prozent der Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung Zeichen von Alzheimer auf. Womöglich ist die leichte kognitive Beeinträchtigung also bereits die Vorstufe zu Alzheimer. An dieser Frage wird derzeit weltweit geforscht. Auch Horst Winkler unterzog sich einer solchen Untersuchung. Er legte sich in die enge Röhre eines Magnetresonanztomografen, auch Kernspintomograf genannt. Das Gerät nimmt mit Hilfe von Magnetfeldern Bilder des Gehirns auf, und macht dabei eine Menge Krach.

 

ATMO: Magnetresonanztomograf

 

Sprecher:

Der Frankfurter Forscher Johannes Pantel weiß, worauf die Mediziner achten müssen, wenn sie die Gehirnbilder von Menschen mit Gedächtnisproblemen analysieren.

 

O-Ton 11 - Johannes Pantel:

Die Symptome der Alzheimer-Krankheit sind durch ein massenhaftes Absterben von Nervenzellen im Gehirn verursacht, die aber nicht gleichmäßig im Gehirn absterben, sondern an bestimmten Stellen des Gehirns betont. Und das sind vor allem diejenigen Strukturen im Gehirn, die eben für die Gedächtnisleistung zuständig sind. Namentlich die Hippocampus-Struktur im mittleren Schläfenlappen.

 

Sprecher:

Pantel war der Erste, der mit dem Magnetresonanztomografen nachweisen konnte, dass der Hippocampus schon schrumpft, bevor die Alzheimersche Erkrankung sichtbar ausgebrochen ist.

 

O-Ton 12 - Johannes Pantel:

Also bereits bei Patienten mit einer leichtgradigen Demenzerkrankung, oder Alzheimer-Demenz finden wir eine Abnahme dieses Volumens um dreißig bis vierzig Prozent. Und das geht dann im Lauf der Erkrankung weiter runter.

 

Sprecher:

Andere Wissenschaftler kommen zu ähnlichen Resultaten. So berichteten Forscher der University of California in Los Angeles Anfang Mai 2006: Wenn bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung der Hippocampus klein ist, erkranken sie in den folgenden Jahren häufiger als andere mit größerem Hippocampus. Einzelne Gebiete dieser wichtigen Gedächtnisregion waren bei den später Dementen ein Viertel kleiner als bei denen, deren Gedächtnis sich wieder erholte. Diese Studien eröffnen eine faszinierende, aber auch erschreckende Möglichkeit: Alzheimer vorherzusagen bei Menschen, deren Gehirnleistung auf den ersten Blick nur leichte Defizite aufweist.

 

O-Ton 13 - Johannes Pantel:

Wenn sie einen Menschen haben, der eine solche leichte kognitive Störung erfüllt, die Kriterien erfüllt, und er hat zusätzlich noch eine Schrumpfung des Hippocampus, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er eine Demenz entwickelt, erhöht, deutlich erhöht. Und das ist die entscheidende Aussage. Die Veränderung kann man wahrscheinlich bereits mehrere Jahre vor dem eigentlichen Auftreten der Demenz feststellen.

 

Sprecher:

Schon wenn nur psychologische Tests auf eine leichte kognitive Beeinträchtigung deuten, steigt die Gefahr, an Alzheimer zu erkranken, etwa auf das Zehnfache des normalen Risikos. In Untersuchungen brach die Demenz Jahr für Jahr bei zehn bis 15 Prozent der Betroffenen aus.

 

Kommen Auffälligkeiten im Gehirnbild dazu, lässt sich Alzheimer in ersten Studien noch sicherer vorhersagen. Wissenschaftler der Universitäten München und Kiel untersuchten zusammen mit Kollegen in Australien und den USA das Gehirn von 30 Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung. 85 Prozent der Patienten, bei denen das Gehirnbild verdächtig aussah, bekamen innerhalb der nächsten anderthalb Jahre die Diagnose Alzheimer. Jedoch: Dies sind erste Studien und keine ausgereiften Routineverfahren. Die Methoden liefern Wahrscheinlichkeiten und keine Gewissheit.

 

Vor allem aber: Man kann etwas tun. Auch wenn es kein hundertprozentiges Mittel gegen den geistigen Verfall gibt, ist doch nicht nur Zufall, wer ihm zum Opfer fällt und wer nicht. Der Alzheimer-Experte Konrad Maurer, Direktor der Frankfurter psychiatrischen Uniklinik:

 

O-Ton 14 - Konrad Maurer:

Es ist so, dass wir ja eine größere Untersuchung gemacht hatten, Risikofaktoren bei der Demenz, und da hat sich eben herausgestellt, dass es tatsächlich die geistige Betätigung ist, das klingt jetzt etwas banal. Aber auch natürlich Bewegung und soziale Kontakte. Also Verheiratete sind dann weniger gefährdet als Alleinstehende. Also der ganze soziale Kontext ist wichtig, mit geistiger Regsamkeit verbunden, mit einer motorischen Aktivität, also das was im Grund auch immer gepredigt wird, hat sich dann bei dieser groß angelegten Studie als wahr erwiesen.

 

Sprecher:

Auch andere neue Studien deuten darauf hin, dass sich regen geistigen Segen bringt. Thomas Fritsch von der Western Reserve University im amerikanischen Cleveland untersuchte 75-jährige, die in ihrer Schulzeit an mindestens zwei Aktivitäten pro Jahr teilgenommen hatten; sei es Basketball oder Reden halten im Rhetorikclub. Sie litten dreimal seltener an einer leichten kognitiven Beeinträchtigung oder einer Demenz als diejenigen, die seinerzeit nicht so aktiv waren. Einflüsse von Intelligenz und Bildung wurden dabei herausgerechnet. Schwedische und amerikanische Forscher wiederum gingen den Auswirkungen des Berufs nach. Sie berichteten im Jahr 2005: Je anspruchsvoller die Arbeit ist, desto geringer das Risiko, dement zu werden. Das gilt vor allem für die Arbeit mit anderen Menschen. Offenbar führen anspruchsvolle Betätigungen dazu, dass das Gehirn eine so genannte kognitive Reserve aufbaut. Und die wiederum lässt das Demenzrisiko um gut die Hälfte sinken. Dies ist das Anfang 2006 veröffentlichte Ergebnis einer Auswertung von 22 Studien mit insgesamt 29.000 Teilnehmern. Dabei zeigte sich auch: Selbst in hohem Alter lässt sich die Gehirnleistung noch verbessern und damit das Demenzrisiko senken. Es ist also nie zu spät, eine kognitive Reserve anzulegen. Es empfiehlt sich, das Gehirn anzustrengen.

 

O-Ton 15 - Konrad Maurer:

Dass man Probleme löst, dass man was Neues schafft, das ist sicherlich förderlich, denn da weiß man auch, dass sich dadurch im Gehirn etwas tut, Das lässt sich nachweisen mit der funktionellen Kernspintomografie. Da konfrontieren wir die Patienten mit Gedächtnisaufgaben und dann sieht man, dass im Gehirn tatsächlich in Form einer speziellen Aktivierung sich diese Übungen niederschlagen.

 

Sprecher:

Eine besonders bewährte Gedächtnistechnik ist die Methode der Orte. Der Sage nach geht sie auf den griechischen Dichter Simonides zurück, der im fünften Jahrhundert vor Christus lebte. Simonides trug bei einer Siegesfeier des Faustkämpfers Skopas ein bestelltes Loblied vor, wobei er auch den Anteil der Götter an dessen Sieg hervorhob. Skopas allerdings zweifelte die göttliche Hilfe an. Darauf ließen die beleidigten Götter Simonides vor die Tür rufen und das Haus über der restlichen Festgesellschaft zusammenstürzen. Als einziger Überlebender musste Simonides die zur Unkenntlichkeit verstümmelten Toten identifizieren. Es gelang ihm, weil er sich automatisch gemerkt hatte, wer wo gesessen hatte. Die Lehre daraus: Wer sich beispielsweise merken will, was er alles einkaufen muss, verbindet Wurst und Waschmittel am besten im Geist mit bekannten Orten, die er dann in Gedanken abschreiten kann. Gedächtniskünstler wie der Frankfurter Winfried Possin verwenden diesen Trick ebenfalls. Für eine Fernsehshow lernte er einmal sämtliche deutschen Postleitzahlen auswendig. Statt Orten kann man aber auch andere Auslöser nehmen, um sich Dinge und ihre Reihenfolge zu merken. Possin erläutert ein einfaches System.

 

O-Ton 16 - Winfried Possin:

Dann schaffen Sie sich feste Auslöser, indem sie sich überlegen: 1? Wo kommt die 1 vor? Bei, Formel eins. Und dann nehmen Sie die bildhafte Vorstellung beispielsweise von einem Rennwagen. Bei 2: Zwillinge. 3: ein Dreirad. 4: ein vierblättriges Kleeblatt. 5: die fünf Finger an einer Hand.

 

Sprecher:

Wenn das alles schließlich sitzt, kann es losgehen mit dem Supergedächtnis.

 

O-Ton 17 - Winfried Possin:

Und jetzt sagt eben jemand bei fünf „Schaf“, als Information, die zu merken ist. Dann sieht man, wie man mit der Hand ein Schaf streichelt. Und zwar als innere bildhafte Vorstellung, ungefähr zirka drei bis fünf Sekunden, muss man so ein Bild aufbauen, dann bleibt das zwei bis drei Tage ohne Wiederholung im Gedächtnis haften.

 

Sprecher:

Mit dieser Mnemotechnik lässt sich die Merkfähigkeit dramatisch verbessern, wie beispielsweise Studien des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung gezeigt haben. Junge Erwachsene konnten sich so statt vorher acht 29 von 30 Begriffen merken. Siebzigjährige kamen im Schnitt immerhin auf 18. Selbst über 80-Jährige verdoppelten ihre Leistung. Sind solche Mnemotechniken nur ein Trick, um sich Wortlisten besser zu merken? Oder stärken sie das Gedächtnis insgesamt? Das lässt sich noch nicht sicher sagen. Eine Studie aus Sydney belegte im Jahr 2004: Ein fünfwöchiges Training der Methode der Orte verändert die Hirnchemie in dem für das Gedächtnis zentralen Hippocampus. Dort stieg die Konzentration von zwei Stoffen, die auf eine bessere Leistungsfähigkeit von Gehirnregionen hindeuten.

 

Natürlich ist die Methode der Orte auch Bestandteil des wahrscheinlich am besten untersuchten deutschen Gedächtnistrainings SIMA, das an der Universität Erlangen entwickelt wurde. Bei SIMA-Gruppen, von denen es in Deutschland und Österreich unter verschiedenen Namen Tausende gibt, steht aber noch viel mehr auf dem Programm. Das flotte Abrufen von uralten Gedächtnisinhalten gehört auch dazu. Im bayerischen Eichstätt versuchen es Seniorinnen und vereinzelte Senioren mit deutschen Gedichten.

 

O-Ton 18 - Leiterin mit SIMA-Gruppe:

Eine Ergänzung aus der Glocke von Schiller: Festgemauert in der Erden (andere deklamieren mit) steht die Form aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden ... (andere) ... Frisch, Gesellen, seid zur Hand. Von der Stirne heiß, rinnen muss der Schweiß. Soll das Werk den Meister loben ... doch der Segen kommt von oben. Ganz toll.

 

Sprecher:

SIMA steht für „Selbstständigkeit im höheren Lebensalter“. Wie der Name schon verrät, geht es nicht nur ums Gedächtnis, sondern um geistige Fitness überhaupt. Die wird auch beim Blumenraten geübt, z. B. Küchenschelle.

 

O-Ton 19 - SIMA-Gruppe:

Frau: Der erste Teil ist ein Raum, in dem man sich relativ oft aufhält und was tut, für die Familie oder was auch immer. Der zweite Teil ist ein Instrument, mit dem man sich bemerkbar machen kann. Andere im Chor: Küchenschelle.

 

Sprecher:

Auch Sport ist fester Bestandteil von SIMA. Etliche Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass körperliche Betätigung auch dem Geist nützt. So berichtete das Wissenschaftsmagazin „Nature“: Wenn Senioren dreimal in der Woche eine knappe Stunde stramm marschieren, verbessern sich ihre Reaktionszeiten und ihre Konzentrationsfähigkeit. Im medizinischen Topblatt „The Lancet“ berichtete ein Team vom Karolinska Institut in Stockholm: Senioren, die sich mindestens zwei Mal in der Woche sportlich betätigt hatten, litten im Alter zwischen 65 und 79 Jahren nur halb so oft an einer Demenz wie andere. Und es ist selbst dann nicht zu spät, wenn sich die ersten Ausfälle bereits zeigen. Eric Larson von der University of Washington in Seattle und seine Kollegen zeigten Anfang 2006: Gerade bei geistig weniger fitten Alten senken Wandern oder Gewichte stemmen besonders deutlich die Gefahr, binnen weniger Jahre dement zu werden. Ähnliches klappt sogar mit Mäusen. Versuche an der Universität Münster haben vor kurzem gezeigt: Wenn die Nager sich in einer abwechslungsreichen Umgebung geistig und körperlich betätigen dürfen, bilden sich in ihren Hirnen weniger Plaques - die für Alzheimer typischen Eiweißablagerungen.

 

Auch im SIMA-Programm ist Sport zentral - etwa ein Tanz im Sitzen.

O-Ton 20 - SIMA-Gruppe (Anweisung und Musik):

Bei Tänzen im Sitzen ist immer wichtig, wie mer sitzt. Auf der vorderen Stuhlhälfte, die Katze soll im Rücken noch Platz haben und die Beine im 90-Grad-Winkel und hüftbreit mit einer guten Bodenhaftung. Dann bringen diese Tänze mehr als die Tänze im Stehen, weil sie sich dann aufs ganze Muskelkorsett auswirken können. Wir fangen einfach gleich an. (Musik „kleine Schaffnerin“)

 

Sprecher:

Die Senioren bewegen sich im Takt des alten Schlagers und untermalen den Text, indem sie etwa imaginäre Straßenbahn-Glöckchen läuten. Wie die SIMA-Studie zeigt, nützt die Kombination von Übungen für den Kopf und Übungen für den Körper den Teilnehmern viel. Beim Vergleich mit einer nicht trainierten Kontrollgruppe glänzen sie hinterher bei Gedächtnisleistungen, Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Denkgeschwindigkeit und Ähnlichem. Viele dieser Effekte halten lange an. Jahre später wurden bei den Trainierten seltener Demenzen diagnostiziert als in verschiedenen Vergleichsgruppen.

 

Während SIMA ein ausgesprochen breit angelegtes Programm ist, erprobt David Prvulovic in Frankfurt ein Programm, das gezielt bestimmte Gehirnfunktionen am Computer trainieren soll. Es ist sowohl für Menschen gedacht, die bislang noch keine Gedächtnisprobleme haben, als auch für solche mit leichten Defiziten. Deshalb meldete sich auch ein 84-jähriger ehemaliger Orthopäde an.

 

O-Ton 21 - Patient:

Ja, es ist so, dass ich relativ vergesslich bin. Wenn meine Frau zum Beispiel sagt, geh’ mal runter in Keller und hol’ das, dann bin ich unten und ruf hoch: Was soll ich holen? Also, das ist in letzter Zeit häufig.

 

Sprecher:

Genau für solche Schwierigkeiten ist das Programm von David Prvulovic gedacht.

 

O-Ton 22 - David Prvulovic:

Was ist passiert? Der Mensch hat einen Gedanken gefasst. Normalerweise sollte dieser Gedanke abgespeichert werden. Das heißt, wenn Sie im Keller sind, sollten Sie noch wissen, was Sie da wollten. Nun, jetzt haben Sie vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde diesen Gedanken, diese Idee gehabt, und sofort ist dieser Gedanke zugeschüttet worden mit Tausenden von anderen Einflüssen, Gedanken, die Ihnen sonst im Kopf herumschwirren.

 

Sprecher:

An diesem Punkt setzt das Training an. Der Patient nimmt vor einem Computer Platz.

 

O-Ton 23 - David Prvulovic:

Wir fangen jetzt wieder mit diesem Durchgang an (Patient: ja), bei dem sie sich immer eine Figur merken müssen. Und dann, wenn die zweite Figur kommt, drücken sie bitte auf die linke Taste (Patient: wenn sie gleich sind) und wenn sie nicht gleich sind, bitte so schnell wie möglich (Patient: die rechte, ja, ja) auf die rechte Taste drücken. Gut, dann geht es jetzt einfach los (drückt hörbar Knopf).

ATMO: Computerrauschen, gelegentlicher Tastendruck

 

Sprecher:

Die Figuren sehen aus wie aus lauter kleinen Quadraten zusammengesetzte Puzzleteile. Sie haben so viele Ausbuchtungen und Ausfransungen, dass sie sich nur schwer einprägen lassen.

 

O-Ton 24 - David Prvulovic:

Und Ihr Gehirn ist nun mit dieser fiesen Figur praktisch allein gestellt und muss nun gegen sämtliche anderen aufkommenden Gedanken diesen Gedächtnisinhalt, diesen Arbeitsgedächtnis-Inhalt abschirmen, ihn schützen.

 

 

Sprecher:

Natürlich geht es letztlich nicht darum, der Merkfähigkeit für seltsame Figuren aufzuhelfen. Die Teilnehmer sollen vielmehr lernen, wie sie ihr Gedächtnis überhaupt besser einsetzen können.

 

O-Ton 25 - David Prvulovic:

Deswegen trainieren wir das, weil wir die Leute dahin bringen wollen, dass es ihnen dann leichter fällt, dass sie im Alltag das vielleicht auch übernehmen, vielleicht auch automatisch weiter anwenden. Dass, wenn sie etwas sehen, vielleicht für eine, zwei Sekunden gedanklich dabei verharren. Weil nur dann schaffen Sie die Voraussetzung, dass das ins Langzeitgedächtnis überführt werden kann.

 

Sprecher:

Schon die ersten Erfahrungen mit dem Programm waren viel versprechend.

 

O-Ton 26 - David Prvulovic:

Und da kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen, dass es Leute gegeben hat, die mit sehr viel Herzblut hier teilgenommen haben, die sich ihre Traubenzuckerwürfel mitgebracht haben und Bananen und Energydrinks und die dann eben auch Strichlisten geführt haben, inwieweit sie sich an jedem einzelnen Trainingstag verbessert haben, und die dann gejubelt haben, als ob sie die Tour de France gewonnen hätten, wenn sie am Ende null Fehler hatten.

 

Sprecher:

Zu ihnen gehörte auch Horst Winkler, der um sein Gedächtnis fürchtende Anzeigenblatt-Macher. Seine Tests lieferten zwar keinen Anlass zu ernsthaften Sorgen. Aber Winkler wollte nicht immer weiter nach seinem Auto Ausschau halten müssen oder im falschen Stadtteil nach der Ratssitzung suchen.

 

O-Ton 27 - Horst Winkler:

Das Endergebnis war ja nun von der ganzen Geschichte, dass man das Gehirn trainieren muss und dass man sich da eben Aufgaben stellen muss, selber oder die man gestellt bekommt und die man dann auch schön regelmäßig macht. Weil, das Gehirn braucht Futter, sonst verrostet es, und das Ergebnis ist dann halt irgendwann, vom natürlichen Abbau abgesehen, die Demenz.

Sprecher:

Die wissenschaftliche Auswertung des Programms ist positiv. Nicht nur die Gesunden, sondern auch die Teilnehmer mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung machen bei den Testaufgaben am Ende weniger Fehler. Vor allem aber beweisen die Bilder des Magnetresonanztomografen: Das Gehirn arbeitet effizienter als vorher. Obwohl es die Aufgaben besser löst, muss es nämlich im Vorderhirn eine bestimmte Region weniger stark aktivieren, die für das Gedächtnis mit zuständig ist. Teilnehmern, die im Labor erfolgreich trainiert haben, fällt es auch im Alltag leichter, sich Dinge einzuprägen. Auch Horst Winkler, erzielte gute Resultate. Er war erleichtert.

 

O-Ton 28 - Horst Winkler:

Auf alle Fälle ja. Ich meine, gerade in unserer Gesellschaft, wo also die Juvenilität über alles geht, und die Alten so ab 35 zum alten Eisen geschmissen werden, freut man sich denn doch, wenn man 55 ist und plötzlich feststellt, Mensch, du bist ja wirklich noch enorm lernfähig.

 

Sprecher:

Auch im Alltag trainiert Horst Winkler jetzt sein Gedächtnis.

 

O-Ton 29 - Horst Winkler:

Vielleicht sogar mal bewusst spazieren gehen und sich genau einprägen, okay, was wächst da noch im Garten und was ist da wieder für ein Haus am Renovieren und wie sieht es nach ein paar Wochen in seiner neuen Anstrichfarbe aus und so weiter.

 

Sprecher:

Wie gut solche Anstrengungen auf Dauer vor Demenz bewahren, lässt sich noch nicht sagen. Aber jedenfalls bringt Horst Winkler jetzt keine Termine mehr durcheinander und er weiß, wo er sein Auto wiederfindet.

 

O-Ton 30 - Horst Winkler:

Also, ich muss jetzt am nächsten Morgen mein Auto nicht mehr irgendwo, in irgendeiner Nordend-Straße suchen. Das macht Freude, wenn man das dann weiß.

 

 

 

 

 

 


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