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* E-Mail an J. Paulus

Akustische Illusionen
von Jochen Paulus
(NDR 4, 21. 8. 96)

Diana Deutsch hat ihre erste eigene CD herausgebracht. Allerdings ist Diana Deutsch kein angehender Schlagerstar, sondern Psychologieprofessorin in San Diego. Und die Klänge auf der CD sind zu seltsam, als daß sie die Hitparaden stürmen könnten.

CD Track 15 Tritone-Paradox (15 sec.)

Diese Töne haben keine bestimmte Höhe. Sie wurden mit Hilfe eines Computer raffiniert zusammengesetzt. Jeder von ihnen besteht in Wahrheit aus mehreren Tönen, die genau eine Oktave auseinander liegen. Der erste Ton eines Paars ist also beispielsweise aus lauter C's gemischt, ungefähr so als wenn am Klavier die C-Tasten sämtlicher Oktaven gleichzeitig angeschlagen würden. In diesem Fall wäre der Ton also ein von C – aber welche Oktave, welche Höhe? Diese Frage läßt sich nicht beantworten. Mit dem zweiten Ton jeden Paares verhält es sich genau so. Er ist beispielsweise ganz unzweifelhaft ein Fis, doch seine Höhe ist unbestimmt. Da keiner der beiden Töne eine wahre Höhe hat, läßt sich eigentlich nicht sagen, welcher höher ist. Doch der Eindruck beim Hören ist ein ganz anderer.

CD Track 16 Tritone-Paradox (15 sec.)

Die beiden Töne jedes dieser Paare liegen immer genau eine halbe Oktave auseinander, das entspricht drei ganzen Tonschritten, einem sogenannten Tritonus, im englischen Tritone, weshalb dieses Phänomen Tritone-Paradox heißt. Es führt in der Tat zu äußerst paradoxen Effekten. Obwohl es dafür keinen objektiven Grund gibt, empfinden Zuhörer bei jedem Paar einen der beiden Töne als eindeutig höher. Doch sie sind sich dabei keineswegs einig. Obwohl alle dieselben Tonpaare hören, meinen manche, der erste Ton sei höher, während andere den zweiten für höher halten.

Diana Deutsch hat das Tritone-Paradox entdeckt und jahrelang erforscht. Dabei hat die Psychologieprofessorin herausgefunden, daß es ein fundamentales Gesetz der Wahrnehmung von Musik verletzt:

125 And this is again very interesting because the law of equivalence on the transpositon, perceptual law of equivalence on the transpositon is a cornerstone of music theory. So if I were to play you some wellknown tune in the key of C and then the same wellknown tune in the key of G you hear the same tune. It doesn't matter what key it's in. But in the case of the tritone paradox when you change the pitches you literally change the melodic pattern.

Folglich würden verschiedene Menschen eine solche Melodie unterschiedlich hören, weil ja die einen eine Tonfolge als fallend empfinden, die für andere steigend ist. In zahlreichen Experimenten gelang es Diana Deutsch herauszufinden, wovon es abhängt, wie jemand das Tritone-Paradox hört.

199 I asked them to speak into a microphone for 15 minutes on any subject that the chose. And then I took pitch estimates of the speaking voice – very very many. Actually in four millisecond intervals. And found that the octave band containing the largest numbers of pitch values correlated with how the tritone paradox was perceived.

Das ist sehr interessant, denn das Gesetz der Unveränderbarkeit durch Transposition ist ein Grundstein der Musiktheorie. Also, wenn ich Ihnen ein Stück erst in C vorspiele und dann in G, hören Sie dieselbe Melodie. Auf die Tonart kommt es nicht an. Aber wenn ich im Fall des Tritone-Paradoxes die Tonart ändere, ändere ich gleichzeitig die Melodie.

Ich bat Versuchspersonen, eine Viertelstunde lang in ein Mikrophon zu sprechen, über irgendein beliebiges Thema. Dabei habe ich ihre Tonlage bestimmt und entdeckte, daß die Lage der Oktave, in der sie hauptsächlich sprechen damit zusammenhängt, wie das Tritone-Paradox wahrgenommen wird.

(Unser Stimmumfang umfaßt eine Oktave, beginnt und endet also mit demselben Ton. Interessanterweise ist dieser Ton für Männer und Frauen einer Gegend der gleiche, wenn auch um eine Oktave verschoben. Dieser Ton ist für das Gehirn eine Art Nullpunkt. )

Der Nullpunkt des typischen Kaliforniers beispielsweise liegt so, daß er das C als besonders hoch empfindet. Er hört deshalb das Triton-Intervall C - Fis als fallend. Umgekehrt hört er den Sprung von G auf Dis als steigend. Die meisten Bewohner Südenglands dagegen nehmen diese Intervalle genau umgekehrt war.

Besonders interessant ist der Fall von Kindern, deren Mütter nicht den Akzent des Landes sprechen, in dem sie geboren wurden. Sie hören das Tritone-Paradox wie ihre Mütter und nicht wie sonst in der Gegend üblich. Das ist ein weiterer Beleg dafür, daß Kinder schon sehr klein anhand der Sprache, die sie hören, eine Art Grundmuster im Gehirn bilden. Dieses bestimmt dann, wie sie das Tritone-Paradox empfinden.

CD Track 18 Tritone-Paradox (10 sec)

Unser Gehirn nimmt also nicht einfach nur passiv das auf, was die Ohren im liefern, sondern es interpretiert die Sinneseindrücke. Diana Deutsch zeigt das, indem sie eine bekannte Melodie verfremdet. Die Töne stimmen alle, doch sie sind willkürlich mal aus der einen, mal aus einer anderen Oktave genommen.

CD Track 20 Mysterious Melody (7 sec)

Es ist extrem schwer, die Melodie so zu erkennen – selbst wenn sie einem als Yankee Doodle wohl vertraut ist.

CD Track 21.12 Mysterious Melody (7 sec)

Jetzt kommt der Clou: Da das Gehirn nun weiß, welche Melodie sich hinter der wilden Tonmischung verbirgt, entdeckt es sie jetzt auch in diesem Chaos. Je öfter man sie hört, desto deutlicher wird die Melodie.

CD Track 23 Mysterious Melody (drei mal wiederholen und ausblenden)


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