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* E-Mail an J. Paulus

Mörderische Hitze
von Jochen Paulus
(Die Woche, 4. 6. 98)

"Sehen Sie sich vor, Commander. Ich bin ein friedfertiger Kerl, aber diese verdammte Hitze macht mich völlig verrückt", warnt Filmschurke Jack Nicholson als Colonel Nathan Jessup in Eine Frage der Ehre. Was wie eine besonders verbrauchte Ausrede für die eigenen Gewaltausbrüche klingt, stimmt offenbar doch: Hitze macht aggressiv. Das belegen Auswertungen von FBI-Statistiken, die ein Team um den Psychologen Craig Anderson von der Universität Missouri kürzlich in einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlichte: Mit jedem Wärmegrad steigt die Zahl der polizeilich registrierten Gewalttaten um 6,6 Fälle pro 100 000 Einwohner und Jahr.

Anderson analysierte die Daten von fünfzig Großstadt-Arealen aus den letzten 46 Jahren. Er verglich heiße mit weniger heißen Jahren und stellte fest, daß die Fieberkurve der Gewalt in heißen Jahren nach oben schnellte. Die Gegenprobe, wieviele Taten in der warmen Jahreszeit begangen wurden, bestätigte das Ergebnis. Sie zeigte, daß "schwere und tödliche Angriffe besonders häufig in heißen Sommern" auftreten.

Vermutet wurde schon lange, daß Hitze gewalttätig macht. "Diese heißen Tage bringen das Blut der Raserei zum Kochen", versucht Romeos Freund Benvolio vergeblich, den tragischen Helden vor einem Schwertkampf zurückzuhalten. Der französische Romancier Stendhal fürchtete zwei Jahrhunderte nach Shakespeare ebenfalls die Wirkungen hoher Temperaturen: "Zum Unglück für den Grafen war die Luft an jenem Abend heiß, drückend, gewitterschwül, kurzum, es war einer jener Tage, die in südlichen Ländern zu gewaltsamen Entschlüssen verleiten." Und als der "Fremde" von Albert Camus einen Araber erschießt, blitzt dessen Messer in der prallen algerischen Sonne. "Licht sprang aus dem Stahl", und vom "Meer kam ein starker, glühender Hauch. Mir war, als öffnete sich der Himmel in seiner ganzen Weite, um Feuer regnen zu lassen."

Moderne Buchtitel à la Die Hitze des Todes und Filme wie Heat oder In the Heat of the Night spielen mit dem gleichen Motiv. Zwar ist die Hitze hier nicht immer am Thermometer ablesbar, sondern dient oft auch als Metapher – aber dieses Symbol ist keineswegs zufällig gewählt.

Nur die Kriminologen kümmerten sich lange Zeit kaum um den Verdacht. Die Frage, ob Verbrechen sich zu bestimmten Jahreszeiten häufen, ließ sie kalt. Die Briten Graham Farrell und Ken Pease von der Universität Manchester waren "überrascht, fast keine Publikationen zu finden, die sich mit diesem doch ziemlich fundamentalen Thema beschäftigen". Der Mangel sei "fast peinlich". Auch in Deutschland herrscht Fehlanzeige. Das Bundeskriminalamt weiß von nichts und der Kriminologie-Professor Hans-Jürgen Kerner von der Universität Tübingen muß passen: "Hierzulande gibt’s so gar nichts Gescheites".

Doch über die Welt verstreut existiert mittlerweile eine Reihe von Befunden, die den Zusammenhang bestätigen. Schon in den siebziger Jahren fiel auf, daß es bei wärmeren Temperaturen öfter zu Unruhen in den Straßen kommt. Doch dies könnte schlicht daran liegen, daß sich mehr Leute im Freien aushalten. Eindeutiger sind die jahreszeitlichen Schwankungen der häuslichen Auseinandersetzungen im britischen Merseyside. Anhand der Notrufstatistik rekonstruierten Forscher, wie häufig Familienmitglieder die Polizei zu Hilfe riefen: In allen untersuchten Jahren begann die Zahl der Gewalttaten im März stetig zu steigen, bis sie sich im Juli und August fast verdoppelt hatte. Anfang September ging sie dann wieder abrupt zurück.

In den USA ist schon lange bekannt, daß die heißen Südstaaten zwei bis dreimal so viele Tötungsdelikte zu verzeichnen haben wie die Nordstaaten. Die Ursachen sind allerdings umstritten. Einige Wissenschaftler machen die dortige "Kultur der Ehre" verantwortlich, die sich entwickelt habe, als die Bewohner noch von der Viehzucht lebten. Herden lassen sich leicht stehlen, weshalb sich die Cowboys daran gewöhnt hätten, sie aggressiv zu verteidigen. Vom Staat war nicht viel Hilfe zu erwarten, wie jeder Western-Fan weiß. Doch das gewaltsame kulturelle Erbe ist wohl nicht der einzige Grund. Die neuen Statistiken von Anderson zeigen, daß auch innerhalb der Südstaaten-Städte die Gewalt mit den Temperaturen steigt und fällt.

Psychologe Anderson glaubt, daß tatsächlich die Hitze schuld ist: Die Menschen leiden an ihr und reagieren ihren Frust bei der nächstbesten Gelegenheit ab. Etwa die Hälfte der Tötungsdelikte sind nicht geplant, sondern entstehen aus Streitigkeiten. "Sie werden wütend und schlagen um sich", erläutert Anderson die schlichte Psychodynamik der Täter. Oft geht es um Nichtigkeiten. "Ich hatte mit Fällen zu tun", erinnerte sich ein Kripo-Beamter aus Dallas, "wo sich die Beteiligten über eine Würfelspielschuld von einem Dollar stritten."

Für die Aggressionstheorie spricht, daß keineswegs alle Straftaten im Sommer häufiger begangen werden. Raub und Diebstahl erleben keine Konjunktur, wohl weil sie mit kühlem Kopf vorbereitet werden. Auch Vergewaltigungen nehmen nicht statistisch nachweisbar zu, was einmal mehr belegt, daß sie meist eben nicht aus der Hitze des Augenblicks heraus begangen, sondern geplant werden.

Auf der anderen Seite steigt jedoch aggressives Verhalten aller Art, auch wenn es zufällig nicht im Strafgesetzbuch steht. Autofahrer hupen länger und heftiger: Als bei einem Experiment von Psychologen der Universität Arizona eine Frau mit ihrem Wagen immer wieder eine Phase lang vor der grünen Ampel stehen blieb, kam sie bei kühlen Temperaturen noch einigermaßen glimpflich davon. Doch wehe, es war heißer als 37 Grad: Wenn die Hintermänner dann zu hupen anfingen, lärmte ein Drittel mindestens die Hälfte der Zeit. Unter 32 Grad agierte keiner so wild. Dies galt allerdings nur für Fahrer ohne Klimaanlage. Die wohltemperierten ließen sich nicht aus der Ruhe bringen.

Amerikanische Baseball-Spieler laufen bei Hitze besonders Gefahr, von dem über hundert Kilometer schnellen Ball getroffen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit für solche Fouls ist bei Temperaturen über 30 Grad sechzig Prozent höher als bei solchen unter 20 Grad, wie sich beim Sichten von 826 Spielberichten herausstellte. Einem Forscherteam zufolge machen sogar schwarze Trikots aggressiver: Dunkel gewandete Football- und Eishockey-Mannschaften kassierten mehr Strafpunkte als hell ausstaffierte, möglicherweise weil es den dunklen Spielern heißer wird.

Nicht einmal Polizisten sind gegen Hitze immun. Niederländische Forscher simulierten auf dem Schießstand eine Einbruchs-Situation. Die Cops sollten sich verhalten, als ob sie zu einem wirklichen Tatort gerufen worden wären. Auf dem ablaufenden Video sahen die Beamten plötzlich einen Mann mit Brecheisen auftauchen. Nach holländischem Recht ist dies noch kein Grund zum Schießen, da keine unmittelbare Gefahr droht. Doch bei 27 Grad Hitze zückten 85 Prozent die Waffe, während es bei 21 Grad nur 51 Prozent waren. Wie eine Nachbefragung ergab, ahnten die Polizisten nicht, daß die Hitze sie hatte zur Waffe greifen lassen.

Aggressionsforscher Anderson fordert Konsequenzen aus all diesen Ergebnissen. Neben kleinen Verbesserungen wie Klimaanlagen für Gefängnisse verlangt er Maßnahmen gegen die zunehmende Erderwärmung. Für konservative Politiker, denen zwar nichts am Umweltschutz, aber alles am Kampf gegen das Verbrechen liegt, hält er eine frappierende Hochrechnung bereit: Eine um drei Grad höhere Temperatur würde für die USA jedes Jahr mindestens 60 000 Gewalttaten mehr bedeuten.

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