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* E-Mail an J. Paulus

Mickrige Blume
von Jochen Paulus
(Die Zeit, 4.6.98)

 Wenn es nach der Europäischen Kommission in Brüssel geht, braucht sich die Jury des Blauen Engel diese Woche bei ihrer Sitzung zum zwanzigjährigen Jubiläum nicht groß mit der Zukunft von Europas ältestem nationalen Umweltzeichen beschäftigen. Denn nach dem Willen der Eurokraten soll innerhalb von fünf Jahren kein einzelstaatliches Ökowappen mehr ihrem Europäischen Umweltzeichen Konkurrenz machen dürfen.

Diese vor sechs Jahren eingeführte Blume ist bislang auf keinen grünen Zweig gekommen. Sie prangt bislang in ganz Europa auf gerade mal knapp zweihundert Produkten. Die Schuld sucht die Kommission bei nationalen Kennzeichen wie dem Blauen Engel oder dem in Skandinavien beheimateten Nordischen Schwan. "Ohne Gegenmaßnahmen dürfte sich die Ausbreitung der Systeme" fortsetzen, blasen die europäischen Beamten daher zur Attacke.

Bislang ließ kein einziges deutsches Unternehmen seine Artikel mit der Blume schmücken. Der blaue Engel dagegen ziert inzwischen 4000 Produkte vom "abfallarmen und ressourcenschonenden Textmarker" bis zum weniger lärmenden Mofa. Manche Artikel sind ohne seinen Segen kaum noch verkäuflich, etwa Fotokopierer. Wer ihn nicht hat, braucht "bei Großkunden und Behörden kein Angebot mehr abgeben", berichtet Dieter Lengnink, Leiter des Arbeitskreises Umweltschutz der Arbeitsgemeinschaft Kopiergeräte.

Die Kriterien sind inzwischen so ausgefeilt, daß auch skeptische Umweltschützer das Höhnen eingestellt haben. Die früher schlichten Ansprüche hatten zum Spott geführt, den Blauen Engel könne auch die Pershing-II-Rakete bekommen, sofern sie nur mit einem Recycling-Zünder ausgerüstet würde.

Heute finden viele Experten dagegen die EU-Blume einen Witz. Während Papier beim Blauen Engel nur Gnade findet, wenn es hundertprozentig aus Altmaterial besteht, darf es bei der Blume auch frischer Zellstoff sein. Alte Waschmaschinen und Computer müssen nicht zurückgenommen werden. "Das können Sie auf EU-Ebene zur Zeit nicht durchsetzen", sagt Bärbel Westermann, die beim Berliner Umweltbundesamt für den Blauen Engel zuständig ist. Auch ihre dort für die europäische Blume verantwortliche Kollegin Hanna Gersmann gibt zu: "Wir wissen sehr wohl, daß das deutsche Zeichen strikter ist."

Strenge Kriterien verbieten sich in Brüssel schon deshalb, weil dann viele südländische Erzeugnisse keine Chance hätten. Aber auch andere Länder torpedieren strikte Regelungen, wenn es im nationalen Interesse liegt. So mochten die skandinavischen Waldländer nicht einsehen, warum denn Recylingpapier besser sein soll als solches aus frischem Holz.

Den Rest erledigen die in Brüssel allgegenwärtigen Industrie-Lobbyisten. Als über Waschmittel beraten wurden, brachten die französischen Regierungsvertreter Repräsentanten des eigentlich längst obsoleten Phosphats mit, wie Marigret d’Haese kritisiert. Sie vertritt im Forum des Brüsseler Umweltzeichens die europäischen Umweltverbände. Die haben den Truppen der Industrie meist wenig entgegenzusetzen, weil die EU zum Leidwesen von Marigret d’Haese manchmal nicht einmal die Reisespesen ersetzt.

Trotzdem ist die kleine europäische Umweltlobby guter Dinge. Kein Kenner der Szene glaubt, daß das einheitliche Mickerblümchen die starken Engel und stolzen Schwäne ablösen wird. "Das ist Wunschdenken der Kommission", kommentiert Karola Taschner vom Europäischen Umweltbüro, dem kleinen Vorposten der Umweltverbände in Brüssel. Das europäische Parlament hat bereits abgelehnt, viele Mitgliedsstaaten wollen nicht mitmachen.

Sogar die Briten, bislang noch die treuesten Kunden der Blume, schmieden hartnäckigen Gerüchten zufolge Pläne für ein eigenes Umweltzeichen. Da kann die Jury des Blauen Engels bei der Jubiläumssitzung getrost die gewohnte Arbeit fortsetzen.


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