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* E-Mail an J. Paulus

Blutwerte
von Jochen Paulus
(Die Zeit, 16. 04.98)

Strafverteidiger beiderlei Geschlechts weisen einen höheren Spiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron auf als andere Juristen, so der neueste Befund des fleißigen Forschers James Dabbs von der amerikanischen Georgia State University. Den hormonellen Überschuß haben die Anwälte mit vielen ihrer Mandanten gemeinsam – insbesondere Mördern, Vergewaltigern und Kinderschändern. Bei ihnen entdeckte der Psychologieprofessor ebenfalls besonders viel Testosteron, als er im Gefängnis Speichelproben einsammelte. Zum gleichen Befund kam sein unerschrockenes Team im Falle von kleinkriminellen Skinheads, Rausschmeißern und Stripperinnen, sowie Mitgliedern schlecht beleumundeter Studentenverbindungen.

Interessante Parallelen. Verdanken es die Advokaten vielleicht nur biographischen Zufällen, daß sie im Sprechzimmer des Untersuchungsgefängnisses auf der richtigen Seite der Trennscheibe Platz nehmen dürfen? Dabbs beeilt sich zu versichern: Anders als oft behauptet, deute viel Testosteron nicht auf eine kriminelle Veranlagung hin, sondern prädestiniere ganz allgemein zu einem energischen, durchsetzungsfreudigen Wesen. Zum Beweis will er jetzt Feuerwehrleute, Flüchtlingshelfer und Umweltaktivisten untersuchen.

Die Entlastung der Strafverteidiger leuchtet ein. Wieso sollten sie näher am Gangstertum sein als Kollegen, die, sagen wir mal, Konzerne bei der Steuergestaltung beraten? Für irgendwie grobschlächtig hält Dabbs die Rechtsbeistände allerdings schon. Eine neue Untersuchung soll der "informellen Beobachtung" nachgehen, daß sie vor Gericht eine rauhere Sprache pflegen als sonst unter Juristen üblich.

Vielleicht findet der Forscher auch noch die Zeit, weitere Fragen zu klären, die sein bisheriges Lebenswerk aufgeworfen hat. Schon Kinder mit hohem Testosteron-Spiegel benehmen sich gern daneben, behauptet Dabbs und zitiert das Beispiel eines Achtjährigen, der mit seiner Forschungsassistentin flirtete und versuchte, sie zu küssen. Sehen so angehende Rechtsanwälte aus? Führt das Hormon auch bei ihnen zu mehr Ehebrüchen, in Richtung der Gattin fliegenden Gegenständen und Scheidungen, wie eine Untersuchung an 4466 Ex-Soldaten ergab? Oder verhilft ihnen Testosteron zu besonders friedlichen Beziehungen – dieses Ergebnis überraschte den Psychologen, als er zum Vergleich mit den Militärs 27 lesbische Paare untersuchte?

Alles verdammt kompliziert und womöglich nicht ganz astrein, möchte man schreiben, zum Teufel mit dieser Forschung! Aber das läßt man besser. Womöglich untersucht Professor Dabbs demnächst Sprache und Speichel von Journalisten.


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