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* E-Mail an J. Paulus

 

Was wir wissen

Lernen funktioniert oft anders, als wir glauben: Zehn Fragen, die Fakten von Mythen trennen.


(NZZ Folio, November 2018)

 

Warum verlerne ich Französisch, wenn ich es nicht brauche, aber nicht das Velofahren?

Wir vergessen nicht, wie man sich auf einem Rad hält, weil wir es im Grunde gar nicht wissen. Nehmen wir an, Sie fahren Rad und drohen nach rechts zu kippen. Was tun Sie? Viele Velofahrer sagen, sie würden zum Ausgleich nach links lenken. Täten sie das wirklich, würden sie hinfallen. Tatsächlich drehen sie den Lenker in die Richtung des drohenden Falls.

Offensichtlich greifen sie dabei nicht auf bewusstes Wissen zurück, das im sogenannten deklarativen Gedächtnis liegt. Stattdessen lenkt uns hier das prozedurale Gedächtnis, das Bewegungsabläufe speichert. Bei Bedarf führen wir sie automatisch aus, ohne zu wissen, was wir tun. Wir können blitzschnell einen Schuh binden. Wenn wir es aber beschreiben sollen, müssen wir erst nachdenken.

Das prozedurale Gedächtnis benutzt andere Gehirnstrukturen als das deklarative und vergisst gut gelernte Abläufe nicht. Warum das so ist, weiss die Wissenschaft nicht. Selbst bei Amnesie-Patienten, die keine bewussten Erinnerungen mehr bilden können, funktioniert es noch. Der berühmte Patient Henry Molaison, der unter dem Kürzel HM in die Geschichte der Hirnforschung einging, konnte sich schon kurz nach einem Gespräch nicht mehr an das Gesagte erinnern. Doch er behielt für Monate, wie er mit einem Zeiger einem beweglichen Ziel folgen konnte. Obwohl er nach Minuten vergass, dass er es gelernt hatte.

 

Das deklarative Gedächtnis, landläufig einfach Gedächtnis genannt, dagegen vergisst. Oft sind die Inhalte aber nicht wirklich verschwunden, sondern einfach nicht mehr zugänglich. Manchmal erinnern wir uns an längst vergessen Geglaubtes, wie der Brief einer 93jährigen Dame an zwei Gedächtnisforscher illustriert. Erst in jüngster Zeit waren ihr lange Gedichte wie Schillers «Bürgschaft» wieder eingefallen, die sie vor 80 Jahren in der Schule gelernt hatte. Die Gedichte waren scheinbar lange nicht mehr da gewesen.

So geht es uns laufend. Schon nach ein paar Stunden ist von den gebüffelten Vokabeln nur noch ein Teil vorhanden. Gedächtnisinhalte verblassen aber nicht nur einfach, das Gehirn hemmt sie auch aktiv. «Das Leben wäre ausserordentlich anstrengend, wenn man gleich starke Erinnerungen an alle Orte hätte, an denen man je sein Auto parkiert hat», schrieb ein Gedächtnisforscher einmal.

Die aktive Hemmung kann beim Lernen auf eine Prüfung stören. In einem Experiment lernten Versuchspersonen Fakten über zwei fiktive Inseln. Zum Beispiel: «Die Amtssprache in Tok ist Französisch.» Eine Hälfte der Fakten über die eine Insel wurde dann in einem Lückentext geübt: «Die Amtssprache in Tok ist F…?». Diese Fakten waren beim Schlusstest am besten verfügbar. An die andere, nicht abgefragte Hälfte konnten sich die Versuchspersonen schlecht erinnern – schlechter noch als an die Angaben zur zweiten Insel, zu der es keinen Lückentext gab. Offenbar stufte das Hirn die nicht abgefragten Fakten als unwichtig ein und schob sie nach hinten.

 

Stimmt es, dass mit 10000 Stunden Üben alle auf jedem Gebiet Experten werden können?

Ob Musikerin oder Golfer, ob Chirurgin oder Schachspieler: wer es auf einem Gebiet zum Experten bringen will, muss mindestens zehn Jahre und 10000 Stunden üben. Diese Behauptung hat der aus Schweden stammende Psychologe Anders Ericsson von der Florida State University vor einem Vierteljahrhundert in die Welt gesetzt, nachdem er Berliner Musikstudenten über ihre Lerngewohnheiten befragt hatte. Die besten Geigenspieler hatten schon mit zwanzig Jahren über 10000 Stunden geübt. Auch in anderen Gebieten stiess er auf einen Durchschnittswert von 10000 Stunden. Populär gemacht hat die magische Zahl der US-Journalist Malcolm Gladwell in seinem Buch «Überflieger» aus dem Jahr 2008.

 

Dass viele Pädagogen an die 10000-Stunden-These glauben und führende Psychologen sie vertreten, hat wohl mit einem gewissen Gerechtigkeitsempfinden zu tun: Wer sich anstrengt, soll belohnt werden.

Doch es gibt viele Gegenbeispiele. Der heutige Schachweltmeister Magnus Carlsen brauchte nur fünf Jahre, um zum Grossmeister aufzusteigen. Andere dagegen sind auch nach 25000 Übungsstunden noch nicht am Ziel. Auswertungen des Zeitaufwands zeigen: Um an die Spitze einer Disziplin zu gelangen, braucht es weit mehr als ständiges Üben. Bei Musikern lassen sich nur 21 Prozent der Leistungsunterschiede aufs Üben zurückführen, bei Sportlern 8 Prozent, bei Spitzensportlern gar nur 1 Prozent.

Es gibt viele Gründe dafür, weshalb wir es nicht gleich weit bringen, wenn wir gleich lang üben. Bei Sportlern zählt die angeborene körperliche Konstitution dazu – ein kleiner Basketballspieler kann die fehlenden Zentimeter nicht allein mit Üben wettmachen. Schachspieler brauchen einen überdurchschnittlichen IQ, Musiker eine musikalische Begabung. Voraussetzungen, die zu einem gewissen Teil vererbt werden.

Lernen manche Menschen tatsächlich besser durch Sehen und andere durch Hören?

Laut Umfragen in verschiedenen Ländern glauben etwa 90 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, dass Menschen besser lernen, wenn sie den Stoff entsprechend ihrem bevorzugten Lernstil präsentiert bekommen. Die einen sollten der Dozentin zuhören, die anderen auf Bilder oder Grafiken achten. Viele Lernwillige vertrauen auf dieses Prinzip. Doch die Theorie ist falsch. Zu diesem Schluss kommen Dutzende von Studien. Eine der jüngsten trug den deutlichen Titel «Noch ein Nagel in den Sarg der Lernstile».

 

Die Autoren fragten über 400 Studenten eines Anatomiekurses nach ihrem bevorzugten Lernstil. Später im Kurs erhoben sie, welche Lernmethode die Studenten tatsächlich anwendeten. Schliesslich verglichen sie die Leistung in der Schlussprüfung damit und stellten fest, dass es keinen Zusammenhang gab: Wer seinem bevorzugten Lernstil folgte, schnitt in der Prüfung nicht besser ab, als wer das nicht tat. Zum gleichen Ergebnis kommen andere Untersuchungen.

Befürworter der Typenlehre verweisen auf eigene Studien, doch die sind meist methodisch schwach, nicht von Gutachtern geprüft und zeigen nur kleine Effekte. Eine Zusammenfassung dieser Werke zeigte nach Meinung eines Experten «alle Merkmale eines verzweifelten Versuchs, ein gescheitertes Lernstilmodell zu retten».

Warum verkauft sich die Theorie der Lernstile immer noch so gut, beispielsweise in Form von Büchern und Kursen, wenn sie doch längst widerlegt ist? Eine plausible Erklärung liegt darin, dass jeder Mensch etwas Besonderes sein möchte – da scheint die Idee eines persönlichen Lernstils verlockend. Überdies dienen die Lernstile auch als Entschuldigung: Wer in der Schule nicht mitkommt, kann das auf den unpassenden Unterricht schieben: Wie soll ich lernen, was der Lehrer sagt, wenn ich doch ein visueller Typ bin?

 

Bis zu welchem Alter muss ich eine Fremdsprache lernen, damit ich sie grammatisch perfekt beherrsche?

Grammatisch einwandfrei sprechen Menschen in aller Regel nur, wenn sie eine Fremdsprache gelernt haben, bevor sie siebzehn Jahre alt waren. Spätestens mit zwölf sollten sie mit dem Lernen beginnen, damit genug Zeit bleibt, die Sprache zu verinnerlichen. Das ist das Ergebnis einer grossen neuen Untersuchung, die der Psychologe Joshua Hartshorne vom Boston College und der Psycholinguist und Bestsellerautor Steven Pinker von der Harvard University gerade vorgelegt haben. Dazu liessen sie 670000 Menschen aller möglichen Muttersprachen online einen englischen Grammatiktest absolvieren. Die Daten zeigen: Grammatik lässt sich während der gesamten Kindheit und frühen Jugend perfekt erwerben. Doch im späten Jugendalter schwindet die Fähigkeit dazu rapide.

 

Die Studie hatte ein erstaunliches Nebenergebnis: Um alle grammatischen Feinheiten zu beherrschen, braucht es sogar dreissig Jahre – egal ob als Muttersprachler oder Einwanderer.

Anders sieht es beim Akzent aus. Wann es zu spät ist, sich eine zweite Sprache akzentfrei zuzulegen, lässt sich mangels ähnlich grosser Untersuchungen nicht klar sagen. Wahrscheinlich gibt es ein breites Spektrum. Manche Forscher finden schon Unsauberkeiten bei Menschen, die eine neue Sprache als Kleinkind gelernt haben. Andere vermuten die Schwelle bei sechs Jahren. Aber auch später kann es noch funktionieren, wie ein mit sieben Jahren aus Polen in die USA eingewanderter Junge in einer Untersuchung bewies.

Der frühere amerikanische Aussenminister Henry Kissinger und sein Bruder Walter kamen als Jugendliche aus dem deutschen Fürth in die USA. Henry war 15, als seine Familie emigrierte. Er lernte gut Englisch, doch seinen deutschen Einschlag wurde er nie los. Der um ein Jahr jüngere Walter dagegen lernte akzentfrei zu sprechen.

Eine zweite Sprache perfekt zu beherrschen, kann aber auch einen Nachteil mit sich bringen: Viele sprechen ihre erste Sprache mit Akzent.

 

Geniesst der Frontalunterricht in der Schule zu Recht einen schlechten Ruf?

Vorne doziert der Lehrer, in den Bänken sitzen stille Schüler und hören zu – diese klassische Form der Wissensvermittlung ist in Verruf geraten. Vielen gilt der Frontalunterricht als veraltet. Zudem überfordere er die Aufmerksamkeit des Publikums. Nach einer Viertelstunde sei es mit der Konzentration vorbei. Ein Problem, das sich laut einer Studie allerdings mit nur zweiminütigen Pausen lösen liesse. Danach seien die Lernenden wieder einigermassen munter.

 

Auch die Befürworter des Frontalunterrichts räumen ein, dass er das kritische Denken nicht besonders effektiv schule. Aber er hat gegenüber den viel propagierten neuen Methoden, bei denen die Schüler eine aktivere Rolle zugewiesen bekommen, auch seine Qualitäten. So schnitten US-Schüler bei einem Schulleistungsvergleich in Mathematik dann am besten ab, wenn sie mehr Frontalunterricht genossen hatten.

Beim selbstentdeckenden Lernen werden die Schüler oft in Gruppen eingeteilt, die mehr oder weniger selbst herausfinden sollen, was der Autor eines Texts sagen wollte oder wie ein mathematisches Problem zu lösen ist. Das verspricht vor allem dann wenig Erfolg, wenn Schüler auf einem Gebiet noch keine Grundlagen haben. In einer solchen Situation ist es schwierig, die gemachten Beobachtungen und gelesenen Fakten im Gedächtnis zu behalten, um zu einem sinnvollen Fazit zu gelangen. Im Extremfall, so zeigen Studien, zieht die Gruppe falsche Schlüsse, die sich dann im Gedächtnis einnisten. Mit mehr Ahnung klappt es besser. Auch dann kommen aber starke Schüler besser mit der Methode klar, während schwache eher vom klassischen Frontalunterricht profitieren.

Eine Patentlösung gibt es nicht. Als Faustregel zeichnet sich aber ab: Am Anfang braucht es den Input von der Lehrerin oder vom Seminarleiter, später können die Unterrichteten auf intellektuelle Entdeckungsreisen geschickt werden.

 

Fällt das Lernen manchen Menschen von Natur aus leichter als anderen?

Manche Menschen lernen schnell, andere tun sich schwer damit. Das liegt erst einmal daran, dass nicht alle über die gleiche Intelligenz verfügen. Wer einen hohen Intelligenzquotienten besitzt, hat es einfacher. Es gehört zur Definition von Intelligenz, besser lernen zu können. Deshalb haben Menschen mit einem höheren IQ im Schnitt auch einen grösseren Wortschatz – es bleiben mehr Wörter hängen. Eine Überprüfung des Wortschatzes ist sogar Teil von vielen IQ-Tests.

Wie leicht ein bestimmter Stoff den Weg ins Gedächtnis findet, hängt aber auch vom Vorwissen ab. Wenn im Gehirn schon viele Informationen über ein Gebiet vorhanden sind, lassen sich neue leichter einsortieren. Das Gehirn speichert Informationen in Netzwerken von Nervenverbindungen. Sind schon fein gesponnene da, ist es leicht, sie so anzupassen, dass fortan auch die neuen Informationen verfügbar sind.

Natürlich kommt es beim Lernfortschritt auch auf die Motivation an. Wer sich für die Materie nicht interessiert, wird sich von Anfang an schwertun. Wer dann auch noch langsam vorankommt, gerät leicht in eine Spirale der Entmutigung.

 

Wie muss ich einen Text lesen, um mir seinen Inhalt einzuprägen?

Laut Umfragen glauben viele Studenten, um sich den Inhalt eines Textes anzueignen, müsse man ihn immer wieder lesen. Doch das ist ein Aberglaube und vielleicht auch eine Beschäftigungstherapie zur Beruhigung des schlechten Gewissens. Grossen Nutzen bringt das sture Wiederlesen nicht.

 

Es ergibt zwar durchaus Sinn, sich mit einem Text länger zu beschäftigen, man muss es aber richtig machen. Wie das geht, haben Psychologen in zahlreichen Studien herausgefunden. Ihre Tips: Machen Sie mit sich selbst ein kleines Quiz zum Inhalt eines Texts, bevor Sie ihn lesen. Auch wenn Sie die Fragen mehr oder weniger raten, weil Sie den Text ja noch nicht kennen, aktivieren Sie Ihr vorhandenes Wissen, und es fällt anschliessend leichter, die neuen Informationen im Geist richtig einzusortieren.

Während Sie den Text lesen, notieren Sie die Fragen, die darin beantwortet werden, auf Karteikarten. Die Antworten kommen auf die Rückseite. Mit diesem Stapel gehen Sie die Materie später immer mal wieder durch. Überlegen Sie, was die gelernten Begriffe bedeuten, denken Sie sich Beispiele aus, und überlegen Sie, warum die Frage überhaupt wichtig ist.

Viele Studentinnen und Studenten legen eine Karte beiseite, wenn ihnen die richtige Antwort einmal eingefallen ist. Das reicht nicht. Erst wenn es drei oder vier Mal geklappt hat, kann die Karte weg. Besonders gut lässt sich mit dieser Methode in einer Gruppe lernen, dann können sich die Mitglieder gegenseitig Fragen stellen.

Nach dem Motto «Bringen wir es hinter uns», neigen viele dazu, eine Lerneinheit in einer Sitzung so lange zu pauken, bis sie sitzt. Das geht auf Dauer nicht gut, wie die Lernforschung zeigt. Geballt gelerntes Wissen schwindet schnell. Das lässt sich verhindern, indem man die Beschäftigung mit dem Lernstoff über mehrere Sitzungen verteilt, vielleicht über das ganze Semester. So bleibt ohne zusätzlichen Zeitaufwand mehr dauerhaft hängen.

Lernforscher haben noch einen Rat zum Verinnerlichen eines Texts: Lesen Sie ihn sich laut vor. Das verbessert die Erinnerung deutlich. Dafür gibt es zwei Gründe: Die Bildung der Wörter mit dem Sprechapparat hinterlässt im Hirn eine Gedächtnisspur. Ausserdem macht man sich den Text gewissermassen zu eigen. Den gleichen Text von einem anderen Sprecher zu hören hilft daher deutlich weniger. Und selbst eine Aufnahme von sich selbst hat nicht denselben Lerneffekt.

 

Hilft Schlafen beim Lernen?

Es gehört zu den Vorzügen unseres Gehirns, dass es im Schlaf weiterarbeitet, auch wenn wir nichts davon merken. Viele Studien zeigen: Im Schlaf sortiert und stabilisiert das Gehirn Erinnerungen, so dass wir das Gelernte hinterher besser abrufen können. Dabei geht das Gehirn durchaus gezielt vor. Nur Material, das später abgefragt werden soll, wird besser behalten.

In Experimenten können Forscher die nächtliche Aktivität beobachten und sogar verstärken. Der Tübinger Psychologieprofessor Jan Born liess Probanden am Tag in einer Art Memoryspiel Positionen von Karten lernen, während er im Raum Rosenduft verbreitete. Dann durften die Probanden schlafen. In einer bestimmten Schlafphase wehte ihnen wieder Rosenduft um die Nase. Gehirnbilder zeigten, dass der Geruch die für das Gedächtnis wichtige Hippocampusregion aktivierte. Hinterher erinnerten sich die Versuchspersonen, die mit Duft benebelt worden waren, besser an die Kartenpositionen. Born vermutet, dass das im Prinzip auch mit Vokabeln funktioniert.

Selbst ein kurzer Mittagsschlaf hilft, das zuvor Gelernte besser zu behalten. Allerdings ist er nicht so wirksam wie die Nachtruhe.

Besonders gut hilft Schlaf, wenn er mit – erwiesenermassen wirkungsvollem – verteiltem Lernen kombiniert wird. In einem französischen Experiment prägten sich Versuchspersonen 16 Suaheli-Vokabeln ein. Zwölf Stunden später studierten sie sie erneut. Die Hälfte der Probanden hatte in der Zwischenzeit ein Nickerchen gemacht. Sie brauchten nur halb so lange, um das Vokabular in der zweiten Lernphase wieder zu beherrschen. Und eine Woche später konnten die Schläfer noch fast alle Wörter, die Wachgebliebenen schafften nur gut zwei Drittel. Auch nach einem halben Jahr bekam die Schlafgruppe deutlich mehr Suaheli-Wörter zusammen.

 

Lernen Leute, die mit digitalen Geräten aufgewachsen sind, anders?

Oft wird behauptet, junge Menschen lernten heute anders als früher. Sie seien digitale Eingeborene, die angeblich die Fähigkeit besässen, sinnvolles Wissen aus Versatzstücken von audiovisuellen und textlichen Informationsflüssen zu konstruieren. Doch die «digital natives», die «Generation Google» und der «Homo zappiens» wurden nicht von Wissenschaftern entdeckt, sondern von Autoren anhand ihrer Alltagsbeobachtungen postuliert.

 

Natürlich stimmt es, dass viele Junge scheinbar gleichzeitig lernen und surfen und dabei auch noch Musik hören oder Nachrichten schreiben. Aber macht sie das zu Computerexperten? Dagegen spricht, dass die angeblichen Meister der Informationstechnik vor allem leicht bedienbare Angebote wie Google, Facebook oder Wikipedia nutzen. Dazu gehört nicht viel, und das Lernen wird schon gar nicht revolutioniert.

Wissenschafter wie Paul Kirschner, Professor an der Open University der Niederlande, hegen eher Befürchtungen. Kirschner glaubt, dass viele Wissenssuchende im Web sich verhalten «wie Schmetterlinge, die über die Informationen auf dem Bildschirm flattern, hier eine (etwa einen Link) berühren oder auch nicht, schnell zur nächsten flattern, ihren Wert nicht einschätzen können und keinen Plan haben».

Die vermeintliche Digitalgeneration soll sogar mehr als Multitasking beherrschen: Angeblich macht sie an ihren Geräten nicht nur einfach vieles simultan. Kinder, die so aufwachsen, seien vielmehr Genies der Assoziation und sähen daher, wie «zehn Dinge sich zu etwas völlig Neuem zusammenfügen», behauptete ein Autor.

Tatsächlich versuchen zwar viele, beim Lernen noch alles mögliche nebenbei zu erledigen, doch in aller Regel funktioniert das nicht. Die vermeintlichen Multitasker wechseln lediglich schnell zwischen den verschiedenen Aufgaben. Das kostet sie am Ende nur Zeit, weil sie etliches vergessen haben, wenn sie irgendwann wieder zu einer Aufgabe zurückkehren. So dauert das Lernen am Ende länger.

 

Was ist Lernen?

Es liegt nahe, sich das Lernen wie eine Filmaufzeichnung vorzustellen: Wir sehen und hören etwas, und unser Gehirn speichert die Bilder und Töne als Abbilder und Tonaufnahmen – so, wie es ein Videorecorder tut. Dass unser Gehirn jedoch nicht auf diese Weise arbeitet, kann jeder selbst überprüfen. Wenn Sie eine Erinnerung an den letzten Urlaub hervorkramen, ist es meistens nicht ein Bild, das Sie durch Ihre eigenen Augen gesehen haben. Oft blicken Sie in der Erinnerung von einem Standpunkt, den Sie gar nie eingenommen hatten. Manchmal treten Sie sogar selbst auf.

Erinnerungen sind nicht einfach da, sie werden vielmehr bei Bedarf aus Einzelteilen zusammengesetzt. Wir haben beispielsweise kein verkleinertes Bild eines Tiers im Kopf. Wie alles andere sind Tiere in Form ihrer Eigenschaften gespeichert. Sehen wir zum ersten Mal eine Waldbirkenmaus, hält unser Gehirn vielleicht unter anderem fest: etwa sechs Zentimeter gross, mit Schwanz um die vierzehn Zentimenter, gelbgraues Fell, am Rücken eine schwarze Linie, unten hellgrau und so weiter. Diese Eigenschaften sind in einem Netzwerk miteinander verbunden, so dass sie gemeinsam abgerufen werden und wir das Tier vor unserem geistigen Auge sehen und auch beschreiben können, was eine Waldbirkenmaus ausmacht.

Wenn wir nun eine Steppenbirkenmaus sehen, wird sie nicht von Grund auf neu gespeichert. Das Netzwerk wird lediglich etwas ergänzt: Die Steppenbirkenmaus ist beispielsweise ungefähr so gross wie die Waldbirkenmaus, aber graubraun. Das Gehirn speichert die neuen Informationen, indem es neue Verbindungen zwischen Nervenzellen anlegt oder die Stärke vorhandener Verbindungen verändert.

Jochen Paulus ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Frankfurt a.M.