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* E-Mail an J. Paulus

Forscher erklären, wie Verhöre zum Ziel führen
 
(Badischen Zeitung 5.9.2014)

 

 

Respekt statt Gewalt – eine Studie über Verhöre zeigt: Sanfte Methoden kommen eher zum Ziel als rüdes Auftreten . Jochen Paulus über Verhörtechniken im Spiegel der Wissenschaft.

von Jochen Paulus
 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein schlichter deutscher Obergefreiter in den USA berühmt als Meister-Verhörer. Hanns Scharff hatte im nationalsozialistischen Deutschland abgeschossene Piloten der Alliierten verhört, wobei er aber Foltermethoden grundsätzlich abgelehnt hatte. Er bevorzugte die sanfte Tour.

Weil er sich jedes Mal exzellent vorbereitete, machte er auf die Gefangenen den Eindruck, er wisse ohnehin schon alles. Und er behandelte die Männer freundlich. Er respektierte ihren Rang, ging mit ihnen im Wald spazieren und arrangierte kameradschaftliche Gespräche mit deutschen Piloten. Scharff hatte sich diese Technik des Verhörens selbst beigebracht, mit der er am Ende fast alle zum Reden brachte. "Er war gut", urteilte die britische BBC Jahrzehnte später in einer Dokumentation über den ehemaligen Feind, "er war sehr, sehr gut."

Lassen sich Gefangene ihre Geheimnisse wirklich am besten entlocken, wenn die Verhörer sie freundlich und mit Respekt behandeln? Genau das behauptet nun Laurence Alison, Professor für forensische und investigative Psychologe an der Universität Liverpool. Zusammen mit seinen Kollegen vom "Institut für Risiko und Unsicherheit" hat er 288 Stunden Ton- und Videoaufzeichnungen von Verhören analysiert, die britische Spezialisten mit 29 später verurteilten Terrorverdächtigen geführt hatten. "Warum die harte Taktik versagt und ein gutes Verhältnis Ergebnisse bringt", überschrieb Alison seine jetzt veröffentlichte Studie.

Das ist bislang nicht die herrschende Meinung unter den Verhörexperten. In weiten Teilen der Welt werden brutale Verhörmethoden bis hin zur Folter praktiziert. Daraus könne man nur schließen, dass die Regierungen glaubten, dass so "die Effektivität der Verhöre gesteigert wird," wie 2006 das Intelligence Science Board, ein Beratergremium der US-Geheimdienste, konstatierte. Aber auch die USA quälten Terrorverdächtige mit simuliertem  Ertränken und ähnlich grausamen  Methoden, die nur spitzfindige Regierungsjuristen nicht als Folter bewerteten.

Psychologen und Psychiater halfen dabei, solche Methoden auszuklügeln, und sie nahmen auch an Verhören teil. Trotzdem waren die Praktiken nicht nur inhuman, sondern auch unwissenschaftlich. "Obwohl allgemein angenommen wird, dass Schmerzen die Kooperationsbereitschaft fördern", kritisierte das Intelligence Science Board, "gibt es keine wissenschaftliche oder systematische Forschung, die nahelegt, dass Zwang aus unwilligen Zeugen Informationen herausbekommen kann, wird oder je hat."

Natürlich haben Gefolterte in Einzelfällen Geheimnisse verraten. Aber andere haben widerstanden, wie beispielsweise der philippinische Widerstandskämpfer und spätere Abgeordnete Satur Ocampo. "Er bezwang den berüchtigten Colonel Rodolfo Aguinaldo in einem Duell der Willenskraft zwischen dem Top-Folterer des Landes und seinem führenden Revolutionär", schrieb der amerikanische Geschichtsprofessor Alfred McCoy von der University of Wisconsin.

So wurde im Streit um Verhörmethoden bisher meist mit Einzelfällen argumentiert. Die Studie von Alison aber präsentiert eine systematische Analyse. Eine wissenschaftliche Überprüfung der Folter kann der Psychologieprofessor nicht liefern, denn die britische Polizei hat ihre Verhörmethoden nach etlichen Skandalen wegen brutaler Behandlung von Terrorverdächtigen umgestellt. Rückfälle in frühere Praktiken sind vielleicht nicht auszuschließen, waren aber natürlich nicht in den Aufzeichnungen enthalten, die britische Sicherheitsbehörden den Forschern zur Verfügung stellten. Doch es zeigte sich, dass schon milder Druck mehr schadet als nützt.

Die untersuchten Aufnahmen stammten von Verhören mit rechtsextremen Terroristen, paramilitärischen Terroristen und internationalen Terroristen. Die Verhörer waren 58 speziell ausgebildete Angehörige von britischen Anti-Terror-Einheiten. Als besonders erfolgreich erwies sich eine Vorgehensweise, wie sie normalerweise in der Suchttherapie praktiziert wird: die motivierende Gesprächsführung. Sie setzt darauf, ein gutes Verhältnis zum Gesprächspartner aufzubauen, um so eine kooperative Atmosphäre zu schaffen. Die Haltung des Therapeuten oder nun eben des Verhörenden soll dabei von Respekt und Mitgefühl getragen sein.

Wie sich zeigte, kommen Vernehmer deutlich weiter, wenn sie diesen Gesprächsstil pflegen, als wenn sie es mit rüden Methoden versuchen: Die Terroristen verrieten mehr über ihre Pläne, Möglichkeiten und Details geplanter Taten. Es nützt sogar, Verdächtige immer wieder an ihr Schweigerecht zu erinnern. Sie machen dann nicht etwa mehr Gebrauch davon, sondern weniger – wohl weil sie ihren eigenen Willen im Verhör respektiert sehen.

Fatal wirkten dagegen sarkastische und überhebliche Haltungen, wie sie oft auch bei Fernsehkommissaren zu besichtigen sind. Sprüche wie "Das war nicht besonders schlau, was?" oder "Rück’ schon raus Kumpel, es ist zu Deinem Besten": Solche Haltungen im Verhör erwiesen sich in der Untersuchung als kontraproduktiv.

Wenn Beamte sich dagegen insgesamt respektvoll verhalten, schadet es hingegen nicht, wenn sie dem Vernommenen auch einmal widersprechen oder ihn mit Beweismaterial konfrontieren. Dies muss aber sachlich geschehen, nicht aggressiv. Dann hilft es sogar. Aber natürlich lässt sich auch so nicht jeder Terrorist zum Reden bringen. Ideologisch Gefestigte sagen oft einfach gar nichts. Ein aggressiver Umgang ruiniert jedoch auch die letzte Chance, dass sich der Vernommene vielleicht noch umstimmen lässt. "Man kann es durchaus schlimmer machen", meint Studienautor Alison.

Aber ist es moralisch, einen Gefangenen freundlich zu behandeln, um ihm Informationen zu entlocken? Diese Frage stellte sich schon bei Hanns Scharff, dessen Methoden durch die neue Studie wissenschaftlich geadelt werden. "Er ist ein gerissener Teufel, der eine Nonne dazu bringen könnte, einen Seitensprung zu gestehen", urteilte ein von ihm vernommener Pilot im Nachhinein.

Alison verteidigt die beinahe therapeutische Vorgehensweise Scharffs: "Motivierende Gesprächsführung ist keine Gedankenkontrolle", argumentiert er. Die offene Atmosphäre im Gespräch mache es für einen Verdächtigen aber möglicherweise "schwerer, falsche Angaben zu machen oder belastende Informationen zu verschweigen". Doch "ihm bleibt die Wahl, Antworten zu geben oder sie zu verweigern".

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