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* E-Mail an J. Paulus

Schizophrenie -

Besser verstehen und behandeln

von Jochen Paulus
(Wissen, SWR2, 30.10. 2019)

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SWR2 Wissen

Schizophrenie - Besser verstehen und behandeln

 

Von Jochen Paulus

 

Sendung: Mittwoch, 30. Oktober 2019, 08.30 Uhr

Redaktion: Sonja Striegl

Regie: Sonja Striegl

Produktion: SWR 2019

 

 

Schizophrenie ist die klassische Wahnerkrankung, knapp ein Prozent der Menschen erkranken irgendwann an ihr. Mit Medikamenten lassen sich die Symptome heute gut therapieren.

 

 

SWR2 Wissen können Sie auch im SWR2 Webradio unter www.SWR2.de und auf Mobilgeräten in der SWR2 App hören – oder als Podcast nachhören:

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Bitte beachten Sie:

Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

 

 

Atmo: Gauger Autogeräusch (liegt unter nächstem Sprecherintext)

 

Sprecherin:

Fahrt mit Klaus Gauger zu seinem Elternhaus, in ein Stadtteil von Freiburg. Der promovierte Germanist ist 54, mittelgroß, kahlköpfig und trägt eine Intellektuellenbrille mit runden Gläsern in einer dünnen Metallfassung.

 

O-Ton 1 - Klaus Gauger (Atmo Auto, dann Treppensteigen, liegt unter nächstem Sprecherintext):

So, hier ist es, das Haus. (Autogeräusch, Tür öffnen).

 

Sprecherin:

Ein großes Reihenhaus in einer bürgerlichen Wohngegend. Nichts deutet darauf hin, dass hier der Wahnsinn seinen Lauf nahm, als Gauger ein junger Mann war. Dass er von imaginären Verfolgern gejagt über mehrere Kontinente geflüchtet ist. Die Krankheit brach aus, als er 29 war. Sein Zimmer lag im Dachgeschoss, er führt hinauf.

 

O-Ton 2a - Klaus Gauger (beginnt mit Atmo Treppensteigen, liegt unter Ende letztem Sprecherintext):

So. Hier habe ich damals geschlafen, das Bett habe ich umgedreht und die Wand da eingeschlagen mit der bloßen Faust.

 

Sprecherin:

„Schizophrenie – besser verstehen und behandeln“. Eine Sendung von Jochen Paulus.

 

O-Ton 2b - Klaus Gauger:

Dann kamen meine Eltern hier hoch, haben gesehen, was hier los ist, meine Mutter hat versucht, mich zu beruhigen, hat gesagt, hier gibt's keine Mikrofone. Da war ich dann erst recht verärgert, weil ich dachte, die belügen mich, …

 

Sprecherin:

Wie er auch in seinem Buch „Meine Schizophrenie“ schildert, glaubte er damals, dass seine Feinde überall Mikrofone installiert hätten, …

 

O-Ton 2c - Klaus Gauger:

… habe dann meine Mutter am Hals gepackt, und so weiter.

 

Sprecherin:

… um ihn zu überwachen.

 

O-Ton 3 - Klaus Gauger:

Mein Vater hat dann gesagt, jetzt kann man nichts mehr anderes machen, jetzt muss ich den Notarzt anrufen. Und der kam dann mit der Polizei und es waren zwei große Kerle, und ich habe mich dann widerstandslos zum Einsatzwagen führen lassen. Und so kommt es dann zu der ersten Szene im Buch, wo ich dann vor der Hauptstraße stehe im Einsatzwagen und dann zitiere: "One flew East, One flew West, One flew over the cuckoo's nest“. Das ging mir gerade durch den Kopf, weil da habe ich gewusst. dass es losgeht.

 

Sprecherin:

„Einer flog übers Kuckucksnest“, das ist der rätselhafte Titel eines berühmten

Romans von Ken Kesey mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Der Held landet in der

Psychiatrie, der er nicht mehr entrinnen wird. Gauger zitierte die Zeilen, als er im Einsatzwagen vor der Universitäts-Psychiatrie stand. Seine Mutter erinnert sich mit Schrecken an den Ausbruch der Krankheit.

 

O-Ton 4 - Mutter Gauger:

Das schlimmste Erlebnis war die Nacht, wo er nach den Mikrofonen da oben gesucht hat und wir keine Ahnung hatten, was er hatte. Das war furchtbar.

 

Sprecherin:

Seinem Vater kamen am nächsten Tag beim Aufnahmegespräch in der Psychiatrie die Tränen. Die Diagnose verrieten die Ärzte zu diesem Zeitpunkt weder Klaus Gauger noch den Eltern, andere Therapeuten später taten es auch nicht. Die Diagnose erfuhren sie erst Wochen später, sie stand auf der Rechnung der Klinik:

„paranoide Schizophrenie“. Schizophrenie ist die klassische Wahnerkrankung, knapp ein Prozent der Menschen erkranken irgendwann an ihr. Zu den wichtigsten Symptomen zählen neben Wahnvorstellungen Halluzinationen, eine desorganisierte Sprechweise und grob desorganisiertes Verhalten, Gefühle werden oft kaum ausgedrückt, die Willenskraft ist häufig reduziert.

 

Mutter Carmen und Vater Hans-Martin Gauger sitzen im Wohnzimmer. Dort stehen stilvolle Möbel, eine große Uhr, ein altes rotes Sofa. An der Wand hängen ein Teppich sowie Stillleben. In den Regalen stehen viele Bücher. In dieser Bildungsidylle wuchs Klaus Gauger unbeschwert auf.

 

O-Ton 5 - Klaus Gauger:

Ich hatte eigentlich eine relativ privilegierte Jugend, muss man eigentlich sagen. Meine Eltern sind relativ gut situiert, mein Vater ist Professor, meine Mutter ist

Studienrätin gewesen, natürlich mittlerweile im Ruhestand. Wir haben nicht unter Geldmangel gelitten oder sonst irgendwelchen Formen von Deprivation. Ich hatte also eine gute Kindheit und auch eine ganz normale Jugend.

 

Sprecherin:

Er besitzt noch eine alte Kassette aus dieser Zeit, aufgenommen in der HemingwayBar des Freiburger Hotels Victoria.

 

Atmo: Band Gauger (anspielen und unter nächsten O-Ton)

 

             

O-Ton 6 - Klaus Gauger:

Ich hatte eine große Leidenschaft, Jazzmusik, und da habe ich auch mit meinem besten Freund zusammen in einer Band gespielt. Er hat den Bass bedient und ich das Saxofon, Tenorsaxofon und wir haben regelmäßig geprobt und hatten auch Auftritte in Freiburg gelegentlich, in kleineren Locations.

 

Sprecherin:

Soweit erkennbar gab es in Gaugers Leben keinen der Risikofaktoren, die es wahrscheinlicher machen, dass bei einem Menschen eine Schizophrenie ausbricht: Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, Mangelernährung, eher geringe Intelligenz. Auch traumatische Erfahrungen erhöhen die Gefahr, was wohl der Grund dafür ist, dass Flüchtlinge mehr als doppelt so oft unter Schizophrenie leiden als andere. Doch auch wer von keinem dieser Faktoren betroffen ist, kann schizophren werden. Denn über 60 Prozent des Risikos sind ererbt. Das heißt nicht, dass es das Schizophrenie-Gen gäbe, sagt Professor Peter Falkai Chef der Uni-Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

O-Ton 7 - Peter Falkai:

Wirklich ist es so, dass man mittlerweile etwa 150 bis 200 sogenannte Risiko-Gene kennt, die gehäuft vorkommen bei Personen, die eine Schizophrenie entwickelt haben.

 

Sprecherin:

Diese Gene haben mit allem möglichen zu tun, mit dem Immunsystem, mit den Verbindungen zwischen den Nervenzellen und mit dem Ablesen des Erbguts. Überall da könnten sie also schädliche Wirkungen entfalten. Schon die Entwicklung der Nervenbahnen im Gehirn scheint bei später Schizophrenen nicht normal zu verlaufen. Der Nobelpreisträger Eric Kandel sieht ein Problem in einer wichtigen Phase der Gehirnentwicklung, den Jahren des Erwachsenwerdens. Vorher bildet das Gehirn sehr viele Nervenverbindungen, von denen aber längst nicht alle gebraucht werden.

 

O-Ton 8 - Peter Falkai:

Das was Kandel sagt, dass offensichtlich in gewissen vulnerablen Phasen, eben dieses Pruning, dieser Abbau der Synapsen, der ja notwendig ist, um eine gewisse Funktionalität aufrechtzuerhalten, dass der erhöht ist. Und das heißt somit, wenn man so will, werden mehr Blätter von den Bäumen gerissen und somit erleiden die Bäume Schaden, um mal dieses Bild zu nutzen.

 

Sprecherin:

Oft beginnt die Krankheit mit psychischen Auffälligkeiten, die erst im Nachhinein als

Vorboten erkannt werden. Meist bricht sie bei jungen Erwachsenen aus – wie bei

Klaus Gauger. Sein Leben änderte sich, sein Musikgeschmack änderte sich. Statt Jazz hörte er nun Heavy Metal, von Iron Maiden etwa und Ozzy Osbourne. Oder von Judas Priest, Lieder wie „Ram It Down“.

 

Musik: Judas Priest „Ram It Down“ (anspielen und unter nächsten O-Ton O-Ton 9 - Klaus Gauger:

Ja, Heavy Metal, das hat auch mal Rob Halford, der Sänger von Judas Priest gesagt, berührt eher so die dunkleren Seiten des Lebens. Und ich habe ja auch einige dunkle Kapitel hinter mich gebracht. Kann sein, dass es bei mir was zum Schwingen bringt, im Lauf meiner langen Erkrankung, ja, 20 Jahre lang war ich ja wirklich ziemlich angeschlagen.

 

Sprecherin:

Gleich beim ersten Aufenthalt in der Psychiatrie empfahl eine junge Ärztin, er solle seine akademische Laufbahn beenden und lieber in einer Reha-Klinik etwas Praktisches lernen. Klaus Gauger promovierte trotzdem in Germanistik und machte das erste und das zweite Staatsexamen, um Lehrer zu werden. Er unterrichtete auch zeitweilig und arbeitete als freier Journalist. Richtig Fuß aber fasste er beruflich nie, es kam immer die Krankheit dazwischen. So läuft es meist. Nur jeder fünfte

Schizophrene schafft es in eine reguläre Beschäftigung. Auch stabile

Partnerschaften bleiben oft ein unerfüllter Wunsch. In einer Studie mit Patienten aus Mannheim war nur etwa ein Viertel der Schizophrenen verheiratet, bei einer gesunden Vergleichsgruppe waren es zwei Drittel. Zusätzlich leiden Schizophrene besonders oft unter körperlichen Erkrankungen – der Atemwege, des

Verdauungsapparates und des Herz-Kreislauf-Systems. Schließlich sterben die Betroffenen im Schnitt ein Dutzend Jahre früher als andere. Dafür gibt es viele Gründe, sagt Psychiatrie-Professor Falkai.

 

O-Ton 10 - Peter Falkai:

Es handelt sich ja um eine systemische Erkrankung. Insofern würde ich sagen, dass natürlich auch nicht nur die Psyche, das Gehirn betroffen ist, sondern auch andere Organsysteme. Wenn Sie sich einfach mal anschauen, in der alten Literatur, auch unbehandelte Menschen, vielleicht der Stress selber, führt zu einer erhöhten Mortalität. Es gibt eine erhöhte Mortalität durch Suizidalität. Und dann darf man nicht vergessen, gibt es das Thema Lebensstil.

 

Sprecherin:

Schizophrene Menschen rauchen oft viel, ernähren sich nicht gesund und bewegen sich wenig. Auch die Medikamente gegen Schizophrenie, sogenannte Neuroleptika haben schwere körperliche Nebenwirkungen. Die klassischen Präparate sorgen für

Bewegungsstörungen wie Krämpfe und Zittern und das so häufig, dass die

Psychiater früher glaubten, die Bewegungsstörungen seien für die Wirksamkeit nötig. Die aktuellen Mittel tun das seltener, aber auch sie sind bei Patienten oft unbeliebt – aus gutem Grund, erzählt Andreas Heinz, der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité.

 

O-Ton 11 - Andreas Heinz:

Dann gibt's eben jetzt neuere Medikamente, wo wir hofften sehr, dass sie keine motorischen Nebenwirkungen machen, weil die wirklich quälend sein können, also Überbeweglichkeiten und ähnliches. Und leider haben einige dieser Medikamente als Nebenwirkungen eine erhebliche Gewichtszunahme und ein Diabetesrisiko, was auch nicht gut ist, so dass das heutzutage was ist, vielleicht vor 30 Jahren weniger im Fokus, aber jetzt, wo die Menschen auch sagen, ich will nicht so viel Gewicht zunehmen. Das Medikament mag jetzt emotional besser verträglich sein, aber ich akzeptiere die Gewichtszunahme nicht.

 

Sprecherin:

Klaus Gauger verwahrt seine Medikamente in dem großen Wohn- und Arbeitszimmer des Untergeschosses, in dem er in Freiburg lebt. In den Regalen finden sich zahllose Bücher und eine beachtliche Medikamentensammlung.

 

O-Ton 12 - Klaus Gauger (Geräusch Tablettenschachteln):

Also ich nehme verschiedene Medikamente. Ich nehme Aripiprazol, das ist ein Neuroleptikum und das ist gegen die paranoide Schizophrenie, also gegen die Wahnvorstellungen und all die Symptome, die damit verbunden sind. 20 Milligramm nehme ich da am Tag. Ich bin damit vom Wirkungsbereich her eher im oberen Bereich und das ist mir auch lieber so, weil ich will auf keinen Fall einen Rückfall haben. Und dann nehme ich noch ein Antidepressivum, Wirkstoff Sertralin, 100 Milligramm, das ist gegen Depression.

 

Sprecherin:

Dann ist da neben einigen weiteren Schachteln noch ein Mittel gegen Diabetes.

 

O-Ton 13 - Klaus Gauger:

Ich habe keinen Diabetes, noch nicht, aber ich bin natürlich metabolisch ein bisschen im Grenzbereich, weil ich einfach übergewichtig bin. Das ist eine Folge der langfristigen Medikamenteneinnahme. Zurzeit versuche ich, ein bisschen abzunehmen, aber ist schwer, muss man wirklich sagen. Ich war vor der Behandlung 80 Kilo schwer, ich wiege jetzt im Moment ungefähr 120.

 

Sprecherin:

Andererseits leidet Gauger heute wohl dank des Neuroleptikums nicht mehr unter Wahnsymptomen. Lange hat ihm allerdings keines der Medikamente, die er ausprobiert hat, wirklich gut geholfen. So ist es oft, sagt der Münchener Psychiatrieprofessor Peter Falkai.

 

O-Ton 14 - Peter Falkai:

Die Schwierigkeit ist halt nur, etwa größenordnungsmäßig bei den Ersterkrankten, etwa 70 Prozent sprechen an. Bei den Mehrfacherkrankten nur noch 50 Prozent, die von dieser Therapie wirklich profitieren. Also 30 bis 50 Prozent profitieren nicht, und für die ist die Erkrankung schon wirklich beeinträchtigend.

 

Sprecherin:

Aber selbst, wenn die Medikamente wirken, wirken sie eher nicht gegen alle Probleme, die eine Schizophrenie mit sich bringt. Das haben Studien schon vor langem gezeigt, bedauert Psychiater Andreas Heinz von der Charité.

 

O-Ton 15 - Andreas Heinz:

Die Medikamente wirken gut gegen Symptome, oder relativ gut, wie Stimmen hören oder Verfolgungsgefühle. Und das kann auch mal ein Leben retten, muss man auch einfach mal ganz deutlich sagen. Aber die soziale Einbindung war nicht besser. Und es gibt sogar Hinweise, dass quasi das in den ersten drei Jahren unter Medikation besser läuft, aber dann, wenn die über mehrere Jahre drauf gucken, die Kurven sich schneiden und die, die keine Medikamente hatten sogar etwas besser rauskommen oder zumindest gleich.

 

Sprecherin:

Soziale Beziehungen aber, wie sie von Medikamenten womöglich beeinträchtigt werden, sind für Schizophrene oft ein großes Problem. Schon als Heranwachsende, wenn die Krankheit bereits ihre Schatten vorauswirft, haben sie meist nur wenige enge Beziehungen. Auch später finden sie nur schwer Freunde oder die Freundschaften gehen schnell in die Brüche. Denn wenn ein Betroffener sich eigenartig verhält, verunsichert das andere. Psychotherapeutinnen und -therapeuten wie die Hamburger Psychologieprofessorin Tania Lincoln versuchen daher, die sozialen Fähigkeiten der Betroffenen zu fördern. Bewährte Übungsprogramme für Patienten mit sozialen Schwierigkeiten gibt es schon lange.

 

O-Ton 16 - Tania Lincoln:

Wo man einfach in der Gruppe bestimmte soziale Herausforderungen, wie "Wie sage ich den Nachbarn, dass sie Musik leiser stellen sollen?" oder für die Patienten auch "Wie erkläre ich meinem Arzt, dass ich die Medikamente reduzieren möchte?" – wo man sowas einfach mal im Rollenspiel durchgeht. Und dann guckt, ja, wird hier Augenkontakt gehalten und wird das eigene Bedürfnis auch gut erklärt, werden IchBotschaften gesendet und also eben solche basalen Regeln der sozialen Kompetenz und Kommunikation.

 

Sprecherin:

Bis vor einigen Jahren durften Psychotherapeutinnen und -therapeuten bei Schizophrenen überhaupt nur solche Folgeprobleme behandeln. Kernsymptome wie der Wahn waren dagegen tabu. Die Lehrmeinung dahinter war: Dagegen lässt sich mit Psychotherapie schon deshalb nichts ausrichten, weil man mit Schizophrenen nicht vernünftig reden kann, was für eine Therapie natürlich nötig ist. Reden sei sogar eher gefährlich.

 

O-Ton 17 - Tania Lincoln:

Das sehe ich anders und das hat sich auch wirklich in keiner Studie bestätigt, dass man den Wahn, die wahnhafte Überzeugung irgendwie verschlimmern würde, wenn man darüber redet, auch wenn es immer noch manche Kollegen gibt, die das hartnäckig behaupten. Ich höre es allerdings nicht mehr so oft. Im Gegenteil ist es so, dass man sehr, sehr gut mit dem Patienten reden kann. Und je mehr man eigentlich verstanden hat, desto mehr fragt man sich, ist das überhaupt ein Wahn?

 

Sprecherin:

Denn oft haben die Patienten Erfahrungen gemacht, die ein Stück weit erklären, warum sie sich verfolgt fühlen. Ohnehin sind die Grenzen zum Normalen fließend, wie Tania Lincoln in einer Umfrage unter 350 Deutschen ohne psychische Erkrankung herausgefunden hat. So war ein Viertel überzeugt, im Leben eine besondere Mission erfüllen zu müssen. Zehn Prozent glaubten, dass ihre Gedanken manchmal so laut wären, dass andere sie hören könnten. Doch solche Symptome können derart massiv werden, dass kein Weg an der Diagnose einer psychotischen Störung vorbeiführt, oft einer Schizophrenie. Bei ihrer Behandlung ist es vielleicht noch wichtiger als bei anderen psychischen Erkrankungen, erst einmal das Vertrauen des Patienten zu gewinnen.

 

O-Ton 18 - Tania Lincoln:

Bei stark ausgeprägtem Misstrauen haben Patienten vielleicht auch die Sorge, dass sie auch dem Therapeuten nicht vertrauen können. Und diese Sorge muss man natürlich abbauen und da nimmt man sich eben mehr Zeit für als jetzt in einer durchschnittlichen Therapie bei anderen Störungen. Man ist vielleicht auch ein bisschen offener, geht mehr auf die Bedürfnisse des Patienten ein, spricht vielleicht auch Dinge an, wie zum Beispiel, haben sie Sorge, dass auch hier im Raum Wanzen versteckt sein könnten. Oder haben sie Angst, dass sie auch mir nicht vertrauen können, und bespricht das dann.

 

Sprecherin:

Erst dann kann die Therapeutin vorsichtig beginnen, die Überzeugungen des Patienten zu hinterfragen. Viele Patienten mit Verfolgungsideen fühlen sich beispielsweise schwach und hilflos.

 

O-Ton 19 - Tania Lincoln:

Und wenn ich anderen eine Chance gebe, dann werden die mich immer fertig machen. Und das sind Gedanken, sie sind vielleicht verständlich aus der Biografie der Patienten und die versucht man auch erst mal nachzuvollziehen. Wie kommt jemand darauf, was spricht alles dafür, was hat der alles schon in seinem Leben erlebt, das das auch bestätigt. Und man muss es als Therapeutin oder Therapeut wirklich auch gut verstanden haben, um dann gegebenenfalls behutsam sich gemeinsam mit dem Patienten anzuschauen, sind das denn Überzeugungen, die jetzt noch stimmen und die ihm jetzt überhaupt weiterhelfen.

 

Sprecherin:

Ein häufiges Symptom der Schizophrenie sind auch Halluzinationen. Viele Patienten hören Stimmen. Die kommentieren beispielsweise, was sie gerade tun und machen nicht selten abschätzige Bemerkungen. Oder sie erteilen Befehle, was der Patient tun oder lassen soll. Dann kann es für die Umgebung gefährlich werden, denn die

Stimmen können sogar Morde anordnen. So war es wohl bei einem Mann, der im

Jahre 1995 an einer Straßenbahnhaltestelle nahe Frankfurt mit einem

Schraubenzieher auf einen Geschäftsmann einstach, weil eine Stimme ihm gesagt hatte, er solle töten. Auch der Mann, der im Sommer eine Mutter und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden Zug am Frankfurter Hauptbahnhof gestoßen hat, litt offenbar an einer paranoiden Schizophrenie. Aber ob er Stimmen hörte, ist bisher nicht bekannt.

 

Doch auch in weniger dramatischen Fällen leiden die Patienten oft sehr unter den Stimmen. Dabei spielt es eine große Rolle, wie die Patienten das Phänomen interpretieren. Tania Lincoln erlebt das regelmäßig.

 

O-Ton 20 - Tania Lincoln:

Die eine Sache ist ja, dass man Stimmen hört, das kann schon belastend sein, aber wenn man sie dann noch als bedrohlich bewertet oder allmächtig, dann kann das vielleicht sogar den größeren Teil der Belastung ausmachen. Also guckt man auch da, ob man an der Bewertung ansetzen kann und gemeinsam schaut, ist das eigentlich so, wie war es denn, als sie gestern Abend noch ihre Mutter angerufen haben, obwohl die Stimmen gesagt haben, tu's nicht, was ist eigentlich danach passiert, sind sie wirklich bestraft worden. Man versucht das auch ein bisschen infrage zu stellen, gegebenenfalls.

 

Sprecherin:

Klaus Gauger hat nie Stimmen gehört, andere Halluzinationen hatte er aber schon. Und seine Wahnideen waren massiv. Von ihnen getrieben, brach er zweimal zu wilden Reisen auf. Die erste begann Ende 2012, da war er 47. In der Silvesternacht war er nach einem Fest noch zu einem Freudenfeuer im Wald eingeladen. Doch plötzlich war er alarmiert.

 

O-Ton 21 - Klaus Gauger:

Und ich war fest überzeugt, dass man mich nur in den Wald locken wollte, um mich dort zu erschlagen. Und ich hatte ja diese Vorstellung, dass mein Blog sehr viel gelesen wird und dass Merkel und Schäuble unter anderem sauer auf mich sind wegen den Dingen, die ich dort schreibe, weil ich die Euro-Krisenpolitik stark kritisiert habe und ich hatte den festen Verdacht, dass ich auf diesem Freudenfeuerfest da im Wald von deutschen Geheimagenten erschlagen werden sollte oder zusammengeschlagen werden sollte.

 

Sprecherin:

Er begab sich sofort nach Hause, fuhr am nächsten Morgen nach Basel und flüchtete fortan von Stadt zu Stadt. Neben eingebildeten Feinden hatte er auch imaginäre Unterstützer. Die signalisieren ihm immer wieder durch geheime Zeichen, wohin er sich als nächstes retten sollte. Sie schickten beispielsweise einen Lastwagen mit einer Werbeaufschrift für eine Londoner Zeitung seines Wegs, worauf er in die britische Hauptstadt aufbrach. Eine wichtige Rolle spielte immer wieder Musik, die er zufällig hörte.

 

Musik: Black „Wonderful Life“ (anspielen und unter nächsten Sprecherintext und O-Ton)

 

Sprecherin:

So war er erst einmal beruhigt, als seine Unterstützer in seinem Londoner Hotel „Wonderful life“ von Black spielen ließen. In dem Lied heißt es, es gäbe keinen Grund wegzulaufen und sich zu verstecken.

 

O-Ton 22 - Klaus Gauger:

Und damit ich hatte das Gefühl, dass ich in dem Hotel sicher bin, weil ich das auf mich wieder bezogen habe und interpretiert habe. Also ich hab, das nennt man Beziehungswahn, ich hab alles um mich herum auf mich bezogen, auch die Musik, als wenn die Musik nur extra für mich gespielt wird und Botschaften für mich enthält.

 

Musik: Bee Gees „Stayin Alive“ (anspielen)

 

Sprecherin:

Dieses Gefühl hielt allerdings nicht lange an. Der Song „Stayin´ Alive“ (aus dem Film

„Saturday Night Fever“, der in New York spielt) von den Bee Gees trieb ihn weiter.

 

Musik: Bee Gees „Stayin Alive“ (anspielen und unter nächsten O-Ton)

 

Sprecherin:

So floh er in zwei Wochen durch ein halbes Dutzend Länder, bis er schließlich in einer Schweizer Tiefgarage aufgegriffen wurde. Seinen verzweifelten Eltern war es mit einiger Mühe gelungen, ihn per Interpol suchen zu lassen.

 

O-Ton 23 - Vater und Mutter Gauger:

Vater: Die erste Reise ging in Basel zu Ende... Mutter: Die war schon schlimm. Vater: Die war schon schlimm. Mutter: Die haben eine europaweite Fahndung gemacht und das hat geklappt, in Basel wurde er geschnappt. Vater: Also er wurde auffällig und die haben ihn dann nach Weil an die deutsche Grenze gebracht und dort haben wir ihn abgeholt und dort kam er in sehr verwahrlostem Zustand... Mutter: … schrecklichen Zustand... Vater: … hygienisch, haben sie uns angekündigt.

 

Sprecherin:

Er kam wieder in die Psychiatrie. Doch im Jahr 2013 brach er zu einer neuen Flucht auf. Diesmal dauerte sie sieben Monate und führte durch drei Kontinente. Manchmal leitete ihn wieder Musik, die er irgendwo zufällig hörte. Eine wichtige Rolle spielten aber auch Totenköpfe, die er überall sah – auf T-Shirts und Taschen oder als kleine Skulpturen.

 

O-Ton 24 - Klaus Gauger:

Ich glaube, dass viele von den Sachen, die ich da gesehen haben, auch so nicht da waren, sondern dass also reale Wahrnehmungen sich mit optischen Halluzinationen vermischt haben. Da vermute ich, dass auch optische Halluzinationen mit im Spiel waren.

 

Sprecherin:

Wäre es möglich gewesen Klaus Gauger – und anderen Betroffenen – viele dramatische Jahre in der Krankheit zu ersparen? Könnten Psychologen oder Psychiater frühzeitig eingreifen? Sie können zumindest erkennen, dass Gefahr besteht, sagt Andreas Bechdolf, Psychiatrie-Professor und Chefarzt am Vivantes Klinikum Am Urban in Berlin.

 

O-Ton 25 - Andreas Bechdolf:

Wir wissen, dass eben 75 Prozent der Patienten so fünf bis sechs Jahre vorher schon Symptome haben, also eine wirklich lange Zeit. Die Symptome sind dann eher so, dass sie Veränderungen beim Denken bemerken, also sich nicht so gut konzentrieren können, sich sozial mehr zurückziehen. Vielleicht bei den Wahrnehmungen, also Farben anders erscheinen oder es beim Hören so feine Veränderungen gibt.

 

             

Sprecherin:

Eindeutige Zeichen wie Wahn oder Halluzinationen treten allerdings nicht auf. Sollten Ärzte den oft jungen Betroffenen trotzdem vorsorglich Neuroleptika verschreiben?

Viele Experten raten heute zu größter Vorsicht. Denn wie verlässlich die Mittel eine Schizophrenie verhindern können, ist unklar. Einigermaßen sicheren Schutz bieten sie jedenfalls nicht. Dafür drohen die schweren Nebenwirkungen wie Bewegungsstörungen und Übergewicht. Vor allem aber: Die meisten jungen

Menschen mit solchen Symptomen werden auch ohne Behandlung nie an einer

Schizophrenie erkranken. Mehrere deutsche Experten, unter ihnen CharitéChefpsychiater Heinz, forderten daher im Sommer 2019 in der Fachzeitschrift Psychological Medicine, die Hilfeeinrichtungen für Menschen mit solchen vieldeutigen Symptomen nicht länger „Früherkennungszentren“ zu nennen. Weil sie damit gewissermaßen das Damoklesschwert einer drohenden Schizophrenie über sie hängen würden. Behandelt werden sollten nur die realen Probleme, nicht eine nur – vielleicht – gerade beginnende Schizophrenie. Auch wenn die Symptome schließlich eindeutiger auf eine beginnende Schizophrenie weisen, sollten nicht gleich Neuroleptika gegeben werden, rät Bechdolf.

 

O-Ton 26 - Andreas Bechdolf:

Der Literaturstand ist im Moment der, dass eben eine Psychotherapie genauso effektiv ist wie eine Pharmakotherapie mit einem Antipsychotikum zum Beispiel. Und dann sind eben die Leitlinienempfehlungen derzeit die, dass man dann sagt, dann sollte man doch Psychotherapie machen, weil das eben akzeptabler ist, weniger Nebenwirkungen hat und eben auch bei Menschen, die dann am Ende vielleicht doch nicht diese Psychose kriegen, sondern einfach nur ein sonstiges anderes Problem hatten, was aber so ähnlich erschien, bei denen hilft ja Psychotherapie dann auch.

 

Sprecherin:

Klaus Gauger machte immer wieder Psychotherapien, auch schon, als sich die ersten Warnzeichen seiner späteren Schizophrenie zeigten. Aber niemand erkannte sie als Warnzeichen und die Behandlung brachte wenig. Später suchte er ebenfalls immer wieder Psychotherapeuten auf, selbst während seiner wilden Reise durch die USA. Allerdings ging es ihm weniger darum, behandelt zu werden. Von den

Psychologen und Psychiatern erhoffte er sich etwas anderes. Das hing mit dem Wahnsystem zusammen, das er sich ausgedacht hatte. Denn die Therapeuten kontrollierten darin den Zugang zu einem Überwachungssystem. Gauger hat das System in einem Schaubild skizziert und seinerzeit in seinem Blog veröffentlicht. Um es zu finden, setzt er sich an seinen Computer und durchforstet die alten Einträge.

 

O-Ton 27 - Klaus Gauger (beginnt mit Tippgeräuschen gegen Ende des vorigen Sprecherintexts und läuft unter nächstem mit Atmo weiter):

So, da müssten wir es hier drin haben, gucken wir mal. 621 Posts. Kybernetik und Revolte, das war ein ewig langer, den ich gemacht habe. So, das kann ich ihnen ausdrucken. Da haben sie ihren Spaß. (Druckergeräusch)

 

Sprecherin:

Die etwas wirr anmutende, handgeschriebene Skizze zeigt auf der einen Seite schematisiert das Steuerungssystem, das der Kybernetiker Norbert Wiener 1948 zur Kontrolle eines Flugabwehrgeschützes entworfen hatte. Auf der anderen eine daran angelehnte Zeichnung. Sie stellt dar, wie sich Klaus Gauger das System vorstellte, mit dessen Hilfe Mächtige seine Gedanken abhörten und kontrollierten.

 

O-Ton 28 - Klaus Gauger:

Das war meine Vorstellung, wie die Soziokybernetik verwendet wird, ja. Indem Gehirne abgetastet, indem die Gehirne miteinander vernetzt werden. Und hierarchische Strukturen dann vorhanden sind, wobei für Psychiatriepatienten dann der Chefpsychiater vor allem zuständig ist und so weiter.

 

Sprecherin:

Klaus Gaugers zweite Reise endete schließlich in der spanischen Stadt Huesca, wo er sich in eine psychiatrische Klinik begab. Diesmal wollte er tatsächlich geheilt werden. Dort wurde er von einem freundlichen Psychiater mit einem Neuroleptikum behandelt, nicht wirklich freiwillig, aber erfolgreich.

 

O-Ton 29 - Mutter Gauger:

Und dieser kleine Ort war die Lösung, also wie ein Wunder und seitdem ist es, ist es gut. Geheilt ist offenbar nicht möglich, aber praktisch wie geheilt. Also völlig normal wie früher. Und das ist schon fünf Jahre her, nicht. Und das ist toll.

 

Sprecherin:

Die langen Jahre im Wahn haben Klaus Gauger viel gekostet. Seine Partnerschaften waren nie von Dauer, eine Stelle, die seiner Qualifikation als promovierter Germanist angemessen wäre, hat er nie bekommen. Aber er ist zufrieden. Er hat wieder Freunde und arbeitet ein paar Tage in der Woche als Genesungsbegleiter in einer psychiatrischen Klinik. Da sind seine eigenen Erfahrungen mit einer psychischen Störung von Vorteil. Seine Medikamente wird er wohl nie mehr absetzen.

 

O-Ton 30 - Klaus Gauger:

Ich gehe mittlerweile auf Nummer sicher. Ich will die Medikamente nehmen, weil die eine Wirkung haben. Und die Nebenwirkungen habe ich im Griff und ich bin einfach auf der sicheren Seite damit. Meine Eltern sind ja mittlerweile hochbetagt, wenn ich jetzt noch mal durchdrehen würde, womöglich jahrelang, das wäre für meine Eltern nicht mehr tragbar und ich muss auf dem Boden bleiben.

 

 

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