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* E-Mail an J. Paulus

Psychopathen unter uns

Warum manche Menschen leicht kriminell werden
 
(BR 2, 1.10.2010)

 

Musik: Uhrwerk Orange (anspielen und noch unter die ersten Sätze legen)

 

Sprecher 1:

Psychopathen kennen wir aus Filmen. Sie vergewaltigen und morden - so wie der Gang-Chef Alex, den der Regisseur Stanley Kubrick in seinem düsteren Meisterwerk „Uhrwerk Orange“ porträtiert hat. Alex tut ohne jegliche Moral, was ihm gerade gefällt und verfügt doch über einen gewissen Charme, dem man sich schwer entziehen kann. Doch Psychopathen gibt es nicht nur im Film, sondern auch in der Realität - auch wenn deutsche Gerichtsgutachter lieber von „dissozialen“ Tätern sprechen. So auch im Fall von Ronny Rieken, der mehrere Mädchen vergewaltigt und getötet hat. Der Essener Psychiatrieprofessor Norbert Leygraf hat ihn begutachtet. Obwohl Leygraf  mit vielen schweren Straftätern zu tun hat, war er doch wieder schockiert von dem erschreckendsten Merkmal der Psychopathie – dem extremen Mangel an Mitgefühl.

 

O-Ton: Leygraf (Take 1.)

S2 336 Diese Empathie-Losigkeit. Er ist nicht nur von mir begutachtet worden, sondern auch von einer Psychologin hier, und da habe ich ihn gefragt, ob er ein Problem damit hätte. Er sagte, Frauen reagieren ja immer so emotional, wenn es um Kinder geht. Und da habe ich gesagt, wissen Sie, Sie reden gerade mit einem Vater, der drei kleine Kinder hat. Und das hat der gar nicht verstanden. Sondern sagte, na ja, als das damals mit dem Diesterweg war – das war auch ein Täter in der Gegend, der ein Kind umgebracht hatte – da ist meine Frau ja so abgedreht und mir ging das fünf Meter am Arsch vorbei, wörtlich. [oc Anfang]  Zu dem Zeitpunkt hatte der Herr Rieken schon sein erstes Tötungsdelikt hinter sich und das plappert er so daher. [oc Ende]

Sprecher:

Es sind Persönlichkeitseigenschaften wie diese Kälte, die einem Menschen zum Psychopathen machen, nicht die Vorstrafenliste. Robert Hare ist der wohl meistzitierte Psychopathie-Forscher der Welt und bildet auch in Bayern Justiz-Experten aus. Er beschreibt den typischen Psychopathen so:

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

0.45 It's an individual who has a combination of features - personality traits and behaviors including a lack of empathy or concern for other people, sort of grandiosity thinking that I am   the most important person in the world. Fairly impulsive individual, lacking in empathy and all emotional or social connections to other people that is meaningful. It’s actually people without conscience who will use other people and abuse them for their own purposes.

Sprecher 2: Voice over Hare

Er vereinigt in sich bestimmte Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen - er hat ein mangelndes Einfühlungsvermögen und er kümmert sich nicht um andere. Man könnte fast sagen, ihn zeichnet der Größenwahn aus, der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein. Er ist ein ziemlich impulsives Individuum, dem jedes Mitgefühl abgeht und dem emotionale oder soziale Verbindungen zu anderen Menschen nichts bedeuten. Es sind tatsächlich Leute ohne Gewissen, die andere für ihre Zwecke gebrauchen und missbrauchen.

[oc Anfang]  Sprecher 1:

Dabei sind Psychopathen extrem schwer zu erkennen. Denn viele verstehen es hervorragend, sich bei anderen einzuschmeicheln. „Oberflächlichen Charme“ bescheinigte ihnen der amerikanische Psychiater Hervey Cleckley, der 1941 mit seinem Buch „Die Maske der Gesundheit“ das Fundament des modernen Psychopathiekonzepts gelegt hat. Psychopathen verstehen es, Vertrauen zu erwecken. Sie sehen anderen besonders viel in die Augen und beugen sich vertraulich zu ihnen vor. Aber an statt vertrauenswürdig zu sein, missbrauchen sie das Vertrauen, das ihnen andere Menschen entgegenbringen.

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

36.50 Most people think that everybody else shares our feelings and our beliefs and if they don't then we can spot and they have a great big piece stamped on their heads “psychopath”. Well it is not so. Everybody can be sucked in, misled. I've been affected that way a number of different times. I should've known better. I know something about psychopathy but I've dealt with people whom I didn't understand were psychopathic

 

Sprecher 2: Voice over Hare

Die meisten Leute glauben, dass alle anderen ihre Gefühle und Überzeugungen teilen. Und dass man sie andernfalls sofort erkennt, so als ob sie „Psychopath“ auf ihrer Stirn stehen hätten. Aber so ist es eben nicht. Jeder kann hereingelegt werden. Mir selbst ist das ein paar Mal passiert. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich weiß einiges über Psychopathie, aber ich habe mich auf Leute eingelassen,ohne zu merken, dass sie Psychopathen sind. . [oc Ende]

Sprecher 1:

Viele Psychopathen fallen schon in ihrer Kindheit auf – lange bevor sie beispielsweise in einer forensischen Psychiatrie wie der im hessischen Haina landen. Der Ärztliche Direktor Rüdiger Müller-Isberner kennt die Vorgeschichte seiner schweren Fälle. Oft quälen sie schon im Kindergarten-Alter Tiere, schlagen schwächere Kinder und trotzen den Erzieherinnen.

 

O-Ton: Müller-Isberner (Take 1.)

2.05 Der klassische Fall ist dann der, dass irgendwann die Kindergärtnerin die Eltern einbestellt und sagt, dieses Kind können wir hier nicht mehr haben, wir werden mit ihm nicht fertig. Also bereits in einem erstaunlich frühen Alter werden Erwachsene mit solchen Menschen nicht mehr fertig, also mit solchen Kindern, und das zieht sich durchs Grundschulalter durch.

Sprecher 1:

Psychopathie ist keineswegs ein absoluter Ausnahmefall. Glaubt man einer amerikanischen, großen Untersuchung, an der auch Robert Hare mitwirkte, sind beispielsweise ein bis zwei Prozent aller US-Amerikaner Psychopathen. Unter Frauen haben etliche Untersuchungen weniger Psychopathen gefunden als unter Männern. Doch das Bild ist nicht einheitlich und womöglich ist Psychopathie bei Frauen nur schlechter zu erkennen, weil sie sich nicht so oft in offener Gewalt äußert. Unter verurteilten Tätern finden sich auf jeden Fall außerordentlich viele Psychopathen. In Bayern sitzen die besonders schweren Kriminellen, die zu Sicherungsverwahrung Verurteilten, in Straubing. Eine Untersuchung eines Teams um Elmar Habermeyer von der Uni Zürich ergab, dass zwanzig Prozent von ihnen Psychopathen sind ‑ also über zehnmal mehr als in der restlichen Bevölkerung. Dazu kommen sehr viele, die auf der Psychopathie-Skala von Robert Hare zwar noch nicht im eindeutig psychopathischen Bereich liegen, aber doch drastisch erhöhte Werte aufweisen. Insgesamt haben zwei Drittel der dort Eingesperrten stark psychopathische Züge.

 

Musik: Uhrwerk Orange

 

Sprecher 1:

Nicht nur unter Gewalttätern finden sich viele Psychopathen. Auch Wirtschaftskriminelle gehören oft zu dieser Gruppe, meint Robert Hare – egal, ob sie im Gefängnis sitzen oder nicht. Hare ist überzeugt, dass häufig Psychopathen hinter den zweifelhaften Finanzgeschäften standen, die am Ende die jüngste Wirtschaftskrise ausgelöst haben. Natürlich gab es volkswirtschaftliche Ursachen und zu viele Möglichkeiten, gefährliche Geschäfte zu machen. Aber es brauchte eben auch Leute, die diese Situation ausnutzten und derartige Geschäfte machten. Sie verkauften beispielsweise zu irrwitzigen Konditionen die inzwischen berüchtigten „subprime“-Hypotheken:

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

15.30 Who are these people that are willing to take the life savings of thousands of people ‑ many of whom will end up committing suicide, become destitute, have heart attacks and the individual is not particularly concerned about? Who are these people? Most of them are psychopaths.

Sprecher 2: Voice over Hare

Wer sind die Leute, die gewillt sind, Tausende um ihre Ersparnisse zu bringen, von denen sich dann viele umbringen, Herzattacken bekommen oder völlig verzweifeln?  Und zwar ohne, dass es diesen Leuten besonders nahe geht. Wer sind sie? Die meisten sind Psychopathen.

 

Sprecher 1:

Auch in vielen anderen Bereichen bietet die Geschäftswelt Psychopathen ideale Entwicklungsmöglichkeiten, sagt Hare, heute emeritierter Psychologie-Professor der University of British Columbia im kanadischen Vancouver.

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

45 Many organizations are looking for people of this sort. If you think of a psychopath, a risk taker and not too concerned about hurting other people's feelings, so they can be very callous. They will  say that I'm simply being rational and goal directed, I can make decisions very quickly. And in fact they sometimes look as if they are the charismatic leader that corporations actually are looking for. They want people of this sort.

Sprecher 2: Voice over Hare

Viele Organisationen suchen nach solchen Leuten. Ein Psychopath geht Risiken ein, es macht ihm nichts aus, wenn er die Gefühle von anderen verletzt und er kann sehr kaltschnäuzig sein. Psychopathen selbst halten sich einfach für rational und zielorientiert. Sie sagen: Ich kann schnell Entscheidungen treffen. Und tatsächlich wirken sie manchmal wie die charismatischen Vorgesetzten, nach denen große Firmen suchen. Sie wollen solche Leute.

Sprecher 1:

Normalerweise ist es natürlich unmöglich, in eine Firma zu gehen, um dort zweifelhafte Mitarbeiter für eine Studie zu erfassen und auf psychopathische Auffälligkeiten hin zu untersuchen. Doch ein Ko-Autor von Hare, der Organisationspsychologe Paul Babiak, hatte die seltene Gelegenheit, weil er viele Firmen berät. Daher konnte er 203 leitende Angestellte interviewen, ihre Personalakten einsehen und mit den Sicherheitsleuten der Unternehmen reden. So wurden Diagnosen möglich, die nicht nur auf Beobachtungen beim Gespräch beruhen, sondern auch auf Einblicken in die Vorgeschichte. Ergebnis: Statt etwa einem Prozent wie in der Normalbevölkerung fanden sich unter den Managern sechs Prozent Psychopathen. Robert Hare wundert es nicht, dass sie es gerade in modern geführten Unternehmen weit bringen.

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

11.10 In a structured organization where things are lockstep, where you enter, where you have to do certain things before your get advanced, where you're evaluated by your peers and superiors all the time, it will be very difficult for psychopaths to survive. But as soon as you have some sort of chaotic breakdown, restructuring or where things are moving fast and furious than the psychopaths can actually take advantage of the situation. [oc Anfang]  They can get in and make a lot of money and actually gain a lot of wealth and power. [oc Ende]

 

Sprecher 2: Voice over Hare

In einem durchorganisierten Betrieb, wo alles genauestens geregelt ist, wo man bestimmte Anforderungen erfüllen muss, bevor man befördert wird, wo man von Kollegen und Vorgesetzten die ganze Zeit beurteilt wird, kommen Psychopathen nur schwer durch. Aber sobald es wild durcheinander geht, ständig restrukturiert wird, sich alles laufend ändert, kann ein Psychopath die Lage ausnutzen. [oc Anfang] er kommt rein, verdient viel Geld und erringt große Macht. [oc Ende] 

Sprecher 1:

Das Erfolgsrezept der Psychopathen dürfte auch in anderen Bereichen funktionieren, in denen Skrupellosigkeit und manipulative Fähigkeiten von Vorteil sind, etwa in der Politik. Organisationen, die solche Leute beschäftigen, profitieren jedoch meist nur eine Zeitlang von ihnen.

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

10.10 Eventually there is going to be a falling out. They will out-manipulate one another. But having them in the right key positions at the right time and the right place could be advantageous. 2.35 In the end though somebody's actually going to pay for the problem and quite often it's the company or the organization or the political party.

 

Sprecher 2: Voice over Hare

Am Ende bricht alles zusammen. Sie tricksen sich gegenseitig aus. Es kann von Vorteil sein, sie zur rechten Zeit am rechten Ort zu haben. Aber am Ende muss jemand bezahlen und ziemlich oft ist es die Firma oder die Organisation oder die politische Partei.

Musik: Uhrwerk Orange

 

Sprecher 1:

Während Krankheiten zumeist vor allem Einschränkungen bedeuten, verfügen Psychopathen also durchaus über viele Fähigkeiten. Manche Fachleute halten Psychopathie deshalb auch gar nicht für eine Krankheit, sondern für eine besondere Lebensstrategie, mit der die Evolution manche Menschen ausgestattet hat. In den frühen Jahren der Menschheit könnten Psychopathen ihre Verhaltensweisen geholfen haben, sich durchzusetzen und ihre Gene weiterzugeben, vermutet der forensische Psychiater Müller-Isberner:

 

O-Ton: Müller-Isberner (Take 1.)

34.42 Es lassen sich sehr leicht Lebensumstände oder heute würde man sagen ökologische Nischen, vorstellen, wo es außerordentlich überlebensfördernd war, wenn man spontan aggressiv wurde. Nicht erst gewartet hat, bis eventuell der andere einen angreift. Wenn man ausbeuterisch war. wenn man dafür gesorgt hat, dass man den anderen möglichst im Herbst die Essensvorräte für den Winter weggenommen hat, bevor man sich in seine Höhle zurück zog und Ähnliches. Das heißt, die Psychopathie, die in unseren hoch komplexen und durchregulierten Gesellschaften natürlich etwas extrem Störendes ist, um es mal gelinde auszudrücken, kann in früheren Phasen der Menschheit etwas außerordentlich Überlebensförderndes gewesen sein.

Sprecher 1:

Psychopathen kommen ihre Talente auch heute noch allzu oft zustatten. Eine kanadische Untersuchung bewies im Jahr 2009: Inhaftierte Psychopathen werden mehr als doppelt so oft auf Bewährung freigelassen als andere Strafgefangene. Dabei werden sie tatsächlich weit häufiger rückfällig. Doch mit Charme und geschickter Verstellung schaffen sie es offenbar, den zuständigen Entscheidungsgremien etwas vorzuspielen. In Experimenten mogeln Psychopathen geschickter als andere. Und sie verfügen über ein hervorragendes Gedächtnis für potenzielle Opfer. An traurige, erfolglose Frauen erinnern sie sich besonders gut.

Einige Experten können den Eigenschaften, die der Psychopathie zugrunde liegen, aber auch positive Seiten abgewinnen. Der Heidelberger Psychologie-Professor Peter Fiedler erläuterte seine Sicht am Rande eines Kongresses:

 

O-Ton: Fiedler (Take 1.)

0.50 Der Persönlichkeitsstil im Kern ist sehr wertvoll. Es hängt nur ein wenig davon ab, was die Personen aus ihrem Persönlichkeitsstil machen. Es handelt sich um Menschen, die wenig Angst haben, und wenig Angst zu haben ist von großem Vorteil. Es handelt sich um Menschen, die kein Risiko scheuen, die wichtige Aufgaben übernehmen können, die andere Menschen nicht übernehmen würden, also zum Beispiel im zehnten Stock unangeschnallt zu arbeiten oder ja, wichtige Funktionen zu übernehmen, einen Betrieb zu leiten oder so.

Sprecher 1:

Die Idee, dass sich Psychopathen dank ihrer extremen Persönlichkeit in manchen Berufen bewähren können, ist allerdings umstritten. Als die IRA in Nordirland noch regelmäßig Bomben legte, schickte Robert Hare einen seiner Nachwuchsforscher dorthin. Er sollte die Männer untersuchen, deren Beruf es war, solche Bomben zu entschärfen.

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

13.35 Perhaps the psychopaths were actually very good at disposing the bombs. Cause he is a risk taker, not afraid. And of course what happened was that they were not. They either were self-selected that is they blow themselves up because they take all sorts of risks. But they are weeded out at the very beginning because they were considered to be cowboys or Rambos, unreliable and untrustworthy. So they are not very good at jobs of that sort.

Sprecher 2: Voice over Hare

Vielleicht ist ein Psychopath ja sehr gut darin, Bomben zu entschärfen? Weil er risikofreudig ist, keine Angst kennt. Aber es stellte sich natürlich heraus, dass es nicht so ist. Psychopathen haben sich entweder selbst ausgesondert, indem sie sich in die Luft sprengten, weil sie eben alle erdenklichen Risiken eingehen. Oder man hat sie von vornherein nicht genommen, weil man sie für Cowboys und Rambos hielt, für unzuverlässig und nicht vertrauenswürdig. Sie sind also nicht besonders gut in solchen Berufen.

Musik: Uhrwerk Orange

 

Sprecher 1:

Was macht manche Menschen zu Psychopathen? Es gibt eine Idee, auf die Wissenschaftler immer wieder zurückkommen: Der Kern des Problems ist, dass Psychopathen kaum Angst empfinden können. [oc Anfang]  Peter Fiedler:

 

O-Ton: Fiedler (Take 1.)

1.50 Um diesen Mangel an Angst gruppieren sich jetzt aber einige Möglichkeiten, wie aber auch gleichzeitig einige Probleme. Die Probleme ergeben sich dadurch, dass Menschen, die keine Angst haben von Kindheit an, eigentlich nicht gut in der Lage sind, so etwas wie ein Gewissen zu bekommen oder einen Bereich, indem sie beurteilen können, ob sie etwas schuldhaft gemacht haben oder nicht. [oc Ende] 

Sprecher 1:

Wer keine Angst hat, fürchtet auch keine Strafe. Doch es ist eben auch die Angst etwa vor den strengen Worten der Eltern, die ein Kind allmählich dazu bringen, sich an Regeln zu halten. Was erlaubt ist und was nicht, lernen wir nicht nur mit dem Kopf. Wenn alles gut geht, verbinden wir Einsichten mit Gefühlen, die tief in uns verankert sind. Der bekannte Gehirnforscher António Damásio von der University of Southern California hat sich viel mit den Gefühlen hinter unseren Gedanken und unserem Verhalten beschäftigt.

 

O-Ton: Damásio (Take 1.)

A lot of our behavior in evolution and in ourselves is guided by emotion. Because we learn so much of our facts in relation to either punishment or reward, in relation to either pleasure or pain, a lot of the way in which we construct our personality and our knowledge is conditioned by emotion. Which means that a lot of our behavior, a lot of our choices are guided by ways in which emotions have been tight to facts.

Sprecher 2: Voice over Damásio

Ein Großteil unseres Verhaltens wird wie während der ganzen Evolution von Emotionen gelenkt. Wir lernen viel über die Welt durch Belohnung und Bestrafung, durch Freude und Schmerz. Emotionen steuern, wie wir unsere Persönlichkeit bilden und unser Wissen erwerben. Ein großer Teil unseres Verhaltens, ein großer Teil unserer Entscheidungen hängt davon ab, wie Gefühle mit Faktenwissen verbunden wurden.

Sprecher 1:

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Angst spielt der Mandelkern tief im Gehirn, auch Amygdala genannt. Der Schriftsteller Michael Ondaatje nannte ihn einmal

 

Zitator (bitte Over-Voice-Sprecher):

„„den Nervenknoten, der die Furcht beherbergt – und so alles beherrscht“.

 

Sprecher 1

Bei Psychopathen ist die Amygdala verkleinert, wie Gehirnbildern zeigen. Womöglich ist dieser Unterschied angeboren – jedenfalls ist der Mangel an Empathie, der der Psychopathie zugrunde liegt, weitgehend erblich. Die Amygdala ist eng verbunden mit dem präfrontalen Cortex, gewissermaßen ihrem Gegenspieler. Dieser Gehirnteil direkt hinter der Stirn sorgt mit dafür, dass wir nicht alle unsere Impulse ohne Rücksicht auf Verluste sofort in die Tat umsetzen. António Damásio:

 

O-Ton: Damásio (Take 1.)

The prefrontal cortex has many different sectors. We do know however from studies of the human brain that when regions of the prefrontal cortex that are related to especially the social emotions are damaged then people no longer can regulate their decision making in a socially appropriate way. That’s a well-established fact by now.

Sprecher 2: Voice over Damásio

Das Frontalhirn hat viele unterschiedliche Bereiche. Wir wissen aber: Wenn Regionen beschädigt werden, die mit sozialen Emotionen zusammen hängen, dann können die Menschen Entscheidungen nicht mehr in sozial angemessener Weise treffen. Das ist inzwischen gut belegt.

Sprecher 1:

Damásio hat einige Menschen untersucht, deren Frontalhirn durch Unfälle oder Krankheiten schwer geschädigt wurde, als sie noch Kinder waren. Ihr Verstand funktioniert einwandfrei, doch in Tests des moralischen Urteilsvermögens antworten sie als Erwachsene so egozentrisch wie Zehnjährige. Auch im Leben zeigen sie wenig Verantwortungsgefühl. Ein 23-jähriger beispielsweise verlor regelmäßig seine Arbeit und betätigte sich als kleiner, schlecht planender Dieb. Er log viel und kümmerte sich nicht um sein Kind aus einer flüchtigen Beziehung.

Aber nicht nur im Aufbau, sondern auch in der Chemie des Gehirns von Psychopathen finden Forscher Auffälligkeiten. Eine wichtige Rolle spielt offenbar das Enzym MAOA. Es baut Nervenbotenstoffe wie Dopamin und Serotonin ab, die auf noch nicht recht verstandene Weise mit Impulsivität und Aggressivität zusammenhängen, und entscheidet so mit darüber, wie stark sie wirken können. Nun gibt es eine angeborene Gen-Variante, die dazu führt, dass wenig MAOA zur Verfügung steht. Etliche, wenn auch nicht alle Studien deuten darauf hin, dass dies aggressiv und kriminell machen kann. Der Kriminologe Kevin Beaver von der Florida State University ist auf eine besonders frappierende Folge gestoßen.

 

O-Ton: Beaver (Take 1.)

1.00 What we found is that males with a particular variant of this gene were more likely to be gang members – about two times more likely to be gang members than individuals who were not having this gene variant. And they were also likely to use weapons in a fight. 1.15 And then what we did: We looked at gang members. And what we found is that gang members, male gang members who had this particular gene, this particular allele, were about four times more likely to use a weapon in a fight – compared to male members who did not have this particular allele.

Sprecher 2: Voice over Beaver

Männer mit einer bestimmten Variante dieses Gens waren etwa mit der doppelten Wahrscheinlichkeit Mitglied in einer Gang als andere, die diese Gen-Variante nicht besitzen. Als nächstes haben wir uns nur die Gang-Mitglieder angesehen. Es hat sich herausgestellt, dass Männer mit dieser Gen-Variante bei Kämpfen etwa viermal so oft wie andere Waffen benutzt haben.

Sprecher 1:

Das heißt allerdings nicht, dass dieses Gen zwangsläufig in die Psychopathie oder gar auf eine Verbrecherlaufbahn führen. Viele Studien deuten vielmehr darauf hin, dass die kritische Gen-Variante vor allem bei den Menschen zum Tragen kommt und sie rücksichtslos und aggressiv macht, die als Kinder Opfer von Missbrauch und Gewalt wurden. Psychopathie hat wie alle psychischen Störungen mehrere Wurzeln: Eine problematische Umwelt und eine anfällige biologische Ausstattung wirken zusammen.

 

O-Ton: Beaver (Take 1.)

1.30 We often times think gang membership is a purely sociological phenomenon. And what our research shows that it is probably more of a biosocial phenomenon. 1.50 What other researchers have found time and again is that this MAOA gene is associated with a range of antisocial outcomes. Typically what prior researchers found is that this gene interacts with a maladaptive environment such as being abused and neglected early in life to predict violence, aggression and other types of antisocial behaviors.

Sprecher 2: Voice over Beaver

Wir halten Gang-Mitgliedschaft oft für ein rein soziologisches Phänomen. Unsere Forschung zeigt aber, dass es wohl eher ein biosoziales Phänomen ist. Andere Forscher haben immer wieder festgestellt: Diese MAOA-Gen-Variante hängt mit vielen antisozialen Entwicklungen zusammen. Normalerweise, so haben Forscher herausgefunden, gibt es eine Wechselwirkung zwischen diesem Gen und einer ungünstigen Umwelt: wenn man zum Beispiel schon früh misshandelt und vernachlässigt wurde, dann wird man später eher gewalttätig, aggressiv oder auf andere Weise dissozial.

Musik: Uhrwerk Orange

 

Sprecher 1:

Psychopathen zu behandeln, ist extrem schwierig. In den 60-er und 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es in der kanadischen Gerichtspsychiatrie Oak Ridge ein viel gelobtes Therapieprogramm, das auf der humanistischen Philosophie Martin Bubers basierte. In bis zu 80 Behandlungsstunden pro Woche sollten die Gefangenen lernen, verantwortungsvoll und empathisch für andere da zu sein. Tatsächlich wurden nicht psychopathische Straftäter hinterher seltener rückfällig. Doch die Psychopathen begingen sogar mehr neue Straftaten. Ein Grund für diesen Fehlschlag könnte gerade darin liegen, dass Therapeuten einen eigentlich vorbildlichen Umgang mit Menschen vorleben, meint der Psychiater Leygraf.

 

O-Ton: Leygraf (Take 1.)

S1 388. Das gehört ja zu den Techniken dazu, dass man sehr einfühlsam versucht, sich in den andern Menschen hinein zu versetzen und das lernen dann die Psychopathen auch. Die entwickeln dann so einen therapeutischen Stil mit andern Menschen umzugehen und setzen das dann bei ihren späteren Straftaten noch ein. Das heißt, sie werden noch effektiver bei ihrer Delinquenz auf diese Art und Weise, weil Sie noch zusätzlich die Fähigkeit entwickeln Leute für sich einzunehmen.

Sprecher 1:

Dahinter liegt ein tieferes Problem. Psychopathen wollen sich gar nicht ändern. Sie bereuen ihre Taten nicht, oder höchstens, weil sie wegen dieser Taten im Gefängnis sitzen. Aber sie haben weder Gewissensqualen noch den aufrichtigen Wunsch sich zu ändern, meint Robert Hare. Es fehlt der Leidensdruck:

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

28.40 What does the psychopath suffer from? What is that? They don’t suffer from a lack of self-esteem. Most of them see nothing wrong with their behavior. So why would I go for treatments?  So psychopaths will not go for treatment unless he or she finds himself in prison and of course he has to go through treatment to get parole.  [oc Anfang] 33.20 And usually what they're asking for is some sort of relief from prosecution by society, by the law.

Sprecher 2: Voice over Hare

Worunter leiden Psychopathen denn? Sie haben keinen Mangel an Selbstvertrauen. Die meisten sehen nichts, was an ihrem Verhalten falsch könnte. Warum sollten sie sich also in Behandlung begeben? Also begeben sie sich nicht in Behandlung, es sei denn, sie finden sich im Gefängnis wieder und müssen eine Therapie absolvieren, um Bewährung zu bekommen. Gewöhnlich wollen sie nur von der Strafe der Gesellschaft verschont werden, vom Gesetz.

Sprecher 1:

Bei Jugendlichen scheinen Therapieprogramme eher zu wirken. Das Programm des Mendota Juvenile Treatment Center im US-Bundesstaat Wisconsin senkt mit vielen therapeutischen Angeboten und einem klaren Belohnungssystem die Rückfallquote von schwer kriminellen, psychopathischen Jugendlichen auf zwanzig Prozent – von fünfzig Prozent im normalen Jugendstrafvollzug, der dort vor allem auf Strafen setzt.

Doch bislang gibt es kein Programm, das erwachsene Psychopathen nachweislich bessern könnte. In Tübingen erforscht ein Professor trotzdem, wie sich Psychopathen vielleicht doch ändern lassen. Kaum ein deutscher Psychologe hat so viele wissenschaftliche Auszeichnungen verliehen bekommen wie Niels Birbaumer. Sein Arbeitszimmer hängt voller Urkunden. Er bringt Psychopathen bei, was sie von Natur aus nur schlecht können: Angst empfinden. Natürlich sind die Probanden dazu schon gar nicht motiviert, aber das stört Birbaumer wenig.

 

O-Ton: Birbaumer (Take 1.)

5.55 Also alle diese Trainingsmaßnahmen, da hilft Motivation, aber sie braucht es nicht. Das funktioniert ja bei Ratten genauso. Die Ratte ist ja auch nicht motiviert, den Blödsinn zu lernen, den ich ihr da beibringe. Und trotzdem lernt sie es. Und genauso kann man es beim Menschen auch machen. Die Leute, die wir da trainiert haben im Kernspin, diese Schwerverbrecher, die waren überhaupt nicht motiviert. Die haben das mitgemacht, weil wir ihnen einen Haufen Geld dafür gegeben haben.

Sprecher 1:

Birbaumer zeigte den Teilnehmern zunächst Schock-Bilder, etwa von abgetrennten Körperteilen, während sie in einem Magnetresonanztomografen lagen. Gesunde Menschen reagieren auf solche Bilder mit Angst. Bei Psychopathen dagegen zeigte das Gerät keine Regungen in den Angstzentren des Gehirns. Aber nun wurden die Psychopathen belohnt, wenn sie es schafften, diese Angstzentren doch zu aktivieren.

 

O-Ton: Birbaumer (Take 1.)

2.45 Und trotz alldem können sie nach wenigen Sitzungen Blutfluss in die Areale reinbringen, die sie früher nicht aktiviert hatten. Und das zeigt mir, dass die ihr System durch Lernen wieder neu aktivieren können. Und damit ist die Voraussetzung für eine Rehabilitation bei allen gegeben. Und da zeigt sich, dass die nach dem Training Angst vor diesen Bildern kriegen. Vorher war ihnen das völlig wurscht.

Sprecher 1:

Theoretisch können so trainierte Psychopathen also wie andere Menschen Angst entwickeln, wenn sie eine Straftat erwägen, und es dann lieber lassen. Birbaumer weiß aber wohl, dass das noch lange keine Therapie ist. Und Robert Hare ist skeptisch, ob daraus so bald eine Therapie wird. Dabei kennt und schätzt er Birbaumer.

 

O-Ton: Hare (Take 1.)

31.15 I will say good luck Niels, I will check back in three or four years. I don’t think he can be very successful. Because they are what they are. We have a fairly stable personality, a cluster of personality traits and it is gonna be very very difficult to change any of these things in a fundamental way.

Sprecher 2: Voice over Hare

Da kann ich nur sagen: Viel Glück, Niels. In drei oder vier Jahren sprechen wir uns wieder. Ich glaube nicht, dass er große Erfolgsaussichten hat. Denn sie sind, was sie sind. Wir haben es mit sehr stabilen Persönlichkeitseigenschaften zu tun und es wird sehr, sehr schwer sein, daran irgendetwas grundsätzlich zu ändern.

Sprecher 1:

Und was wird aus  Ronny Rieken – jenem Mädchen-Mörder der Norbert Leygraf mit seiner beiläufigen Reaktion auf ermordete Kinder schockiert hat? Leygraf ist nicht sicher, dass Rieken das Licht der Freiheit wiedersehen wird:

 

O-Ton: Leygraf (Take 1.)

S1 364 Darauf hat er ja ein verfassungsmäßiges Recht, dass diese Chance besteht. Wie das praktisch bei ihm aussehen soll, kann ich jetzt überhaupt nicht vorhersagen. Mir würde jedenfalls bei ihm keine Therapiemöglichkeit einfallen, an deren Ende dann stehen könnte, der kann jetzt wieder raus.

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