Home

Biographisches

Artikel

Buch Verhaltenstherapie
Vtcover


Journalistenpreise

* E-Mail an J. Paulus

Experten bezweifeln Nutzen von Antidepressiva
 
(Frankfurter Rundschau 20.2.2013)

 

Innerhalb von zehn Jahren steigt in Deutschland der Verbrauch von Antidepressiva um das Dreifache. Doch vielen Menschen mit psychischem Leid geht es trotz der Pillen nicht besser. Viel gravierender zudem: Je genauer Wissenschaftler forschen, desto mehr Nebenwirkungen finden sie.

Auf den ersten Blick sah es nach einer dringend benötigten guten Nachricht für die Hersteller von Medikamenten gegen Depressionen aus. Die Ergebnisse einer neuen Analyse der Behandlungsdaten von mehr als 9 000 Patienten „bestätigen frühere Ergebnisse nicht, nach denen Antidepressiva außer bei schweren Depressionen kaum helfen“, verkündete kürzlich ein Team um Robert Gibbons von der University of Chicago im Fachblatt Archives of General Psychiatry.

Doch der Streit um den Nutzen von Antidepressiva wird weitergehen, wie die Reaktion von Irving Kirsch zeigt. Der Psychologieprofessor von der University of Plymouth findet in seinen Studien seit Jahren eine bestenfalls bescheidene Wirksamkeit. Zur neuen Analyse des Gibbons-Teams vermerkt er trocken, deren Ergebnisse seien auch nicht besser: „Der einzige Unterschied zwischen ihren Resultaten und unseren ist, dass sie es einen Erfolg nennen!“

Der Expertenstreit ist für viele Menschen von enormer Bedeutung. Etwa jeder Sechste erkrankt mindestens einmal im Leben an einer Depression. Antidepressiva werden in Deutschland immer häufiger verschrieben: Für 2011 listet der Arzneiverordnungsreport 1,27 Milliarden Tagesdosen auf. Zehn Jahre zuvor waren es 481 Millionen Tagesdosen. 2011 machten die Hersteller mit Antidepressiva einen Bruttoumsatz von 766 Millionen Euro. Besonders häufig erhalten ältere Menschen Antidepressiva. Doch ausgerechnet in dieser Altersgruppe kann auch die Gibbons-Studie keinen Nutzen belegen.

Oftmals hilft auch ein Placebo

Kritik am Dauergebrauch

Wer an einer Depression erkrankt ist, sollte seine Medikamente weiternehmen, wenn er aus der Phase heraus ist – für Monate, in schweren Fällen sogar Jahre. So soll Rückfällen vorgebeugt werden.

Angesehene Fachleute fragen sich aber, ob Antidepressiva auf die Dauer nicht vielleicht doch eher schaden. So galt die Depression nicht als chronische Krankheit, bevor die Medikamente eingeführt wurden. Alten Statistiken nach durchlebte die Mehrzahl der Patienten nur eine Krankheitsphase. Die Depression kehrte dann nie wieder zurück. Heute werden die meisten immer wieder heimgesucht.

Giovanni Fava von der Universität Bologna befürchtet, dass die Mittel die Depression erst zu einer chronischen Krankheit gemacht haben. Er vermutet, dass der Körper auf den Dauergebrauch mit Gegenreaktionen antwortet.

Die Mittel haben es schwer in Untersuchungen, weil etwa dreißig Prozent der Depressiven auch mit einem Placebo aus der Krise herauskommen. Daran gemessen wirkt die Erfolgsquote der Medikamente von 43 Prozent in der neuen Studie recht mäßig.

Viele Psychiater sind überzeugt, dass Antidepressiva in der Praxis besser wirken als unter den künstlichen Bedingungen von Studien, wo die Patienten noch nicht einmal wissen, ob sie eine echte Arznei erhalten. Doch auch unter Alltagsbedingungen lassen die Wirkungen sehr zu wünschen übrig, wie die realistisch angelegte Star*D-Studie zeigt. In diesem Großversuch der US-Gesundheitsbehörde NIMH hatte nach einem Jahr nur jeder Vierte seine Depression überwunden und keinen Rückfall erlitten.

Dazu kommen die Nebenwirkungen. Die in den 80er-Jahren eingeführten Wirkstoffe quälen die Patienten zwar weniger als ihre Vorgänger mit Mundtrockenheit, Verstopfung und Sehproblemen. Doch auch Fluoxetin („Prozac“) und seine Verwandten fordern ihren Preis. Schon lange ist bekannt, dass sie nicht nur für Magenbeschwerden und mangelnden Appetit sorgen können, sondern auch für sexuelle Probleme. Doch je genauer Wissenschaftler hinsehen, desto mehr verborgene Risiken finden sie.

So untersuchten Forscher mehrerer taiwanesischer Universitäten um Chia-Ming Chang, wie sich Antidepressiva auf die Fahrtauglichkeit auswirken. Ergebnis der gerade online vorab veröffentlichten Studie mit Daten von mehr als 36.000 Autofahrern: Wer die Pillen schluckt, verursacht fast doppelt so oft einen Unfall. Um auszuschließen, dass die Depressionen selbst dazu führen, erfassten die Wissenschaftler die Besuche bei Psychiatern und korrigierten ihre Ergebnisse entsprechend.

Gleich eine ganze Welle von neuen Studien legt Vorsicht beim Einsatz in der Schwangerschaft nahe. Bei den werdenden Müttern erhöhen Antidepressiva die Gefahr, an Bluthochdruck zu erkranken. Bei den Babys wiederum wird häufiger Lungenhochdruck registriert. Außerdem wächst die Gefahr einer Frühgeburt. Das Risiko für Autismus verdoppelt sich sogar.

Andererseits ist eine unbehandelte Depression nicht nur für die Mutter schlecht, sondern auch für das Baby. Es wächst im Mutterleib nicht so gut und nach der Geburt tun sich depressive Mütter oft schwer, auf die emotionalen Bedürfnisse ihres Kinds einzugehen.

In jedem Fall besteht eine zeitgemäße Depressionstherapie nicht nur aus Pillen. Darüber sind sich die meisten Fachleute einig, auch wenn in der Praxis viele Patienten allenfalls noch ein paar tröstende Worte vom Arzt bekommen. Bei leichten Depressionen kann zunächst probeweise sogar ganz auf Medikamente verzichtet werden. Bessert sich der Zustand nicht, raten Experten, Antidepressiva, Psychotherapie und soziale Unterstützung zu kombinieren. Auch Sport wird empfohlen.

Umfassende Strategien nötig

Solch eine umfassende Strategie ist momentan die beste Wette. Wie sehr und vor allem warum die kombinierten Maßnahmen helfen, ist allerdings eine andere Frage. Skeptiker Kirsch hat dazu gerade zusammen mit Arif Khan eine neue Analyse veröffentlicht, die auf Daten von 24.000 Patienten beruht. Demnach schneidet die Kombination von Medikamenten und Psychotherapie in vielen Studien vor allem deshalb am besten ab, weil die Ärzte dies glauben und bei der Einschätzung des Therapieerfolgs wissen, wie der Patient behandelt wurde.

Wissen sie es nicht, ist die Kombination Medikamenten oder Psychotherapie allein kaum noch überlegen. Und weder Medikamente noch Psychotherapie sind dann besser als Sport, Akupunktur oder Pseudobehandlungen.

Wenn so unterschiedliche Behandlungen aber gleich wirken, argumentieren die Forscher, kommt es womöglich gar nicht darauf an, was gegen Depressionen unternommen wird. Sie greifen damit eine These auf, die der renommierte Psychiatrie-Professor Jerome Frank vor einem halben Jahrhundert in seinem Buch „Die Heiler“ entwickelt hat: Entscheidend ist demnach, dass der Patient gründlich untersucht wird, eine Erklärung für sein Leiden erhält, Hoffnung schöpft und schließlich ein therapeutisches Ritual mit einem anerkannten Experten praktiziert.

Ob der Spezialist eine Arznei verabreicht oder Akupunktur-Nadeln sticht, ist nicht wichtig, solange der Patient daran glaubt. Mit dieser Erklärung der Erfolge der Depressionsbehandlung dürfte für weitere Diskussionen gesorgt sein.


Zum Seitenanfang (mit Links)