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* E-Mail an J. Paulus

Die kleinen Leute spenden mehr
 Studie zur Spendenbereitschaft

(Frankfurter Rundschau 10.11.2011)
 

Wie viel Geld Menschen spenden, ist offenbar keine Frage von arm und reich. Weniger Begüterte spenden einen größeren Anteil ihres Einkommens für soziale Zwecke - doch auch Reiche können großzügig sein.


Die Klassengesellschaft im Film „Titanic“ scheint arg romantisiert: Oben auf dem teuren Erste-Klasse-Deck versuchen sich die Spitzen der Gesellschaft bei steifen Festen gegenseitig zu beeindrucken und die Töchter reich zu verheiraten. Unten in der dritten Klasse dagegen geht es rauer, aber herzlicher zu. Und natürlich wächst nur hier die wahre Liebe.

Bloß ein Hollywood-Klischee? Nicht ganz. Diesen Schluss legen jedenfalls neue Forschungsergebnisse nahe, die der Psychologie-Professor Dacher Keltner von der University of California in Berkeley jetzt zusammengefasst hat: Menschen aus den unteren Schichten sind großzügiger und erkennen besser, wie es anderen geht.
Dabei hätten die unteren Zehntausend genügend Gründe, weniger an andere zu denken, argumentiert Keltner. Sie leben oft in sehr anstrengenden Verhältnissen, laut Forschungsergebnissen sind ihre persönlichen Beziehungen überdurchschnittlich stressig und natürlich haben sie weniger abzugeben als Bessergestellte.

Trotzdem sagen Arme, dass sie einen höheren Anteil ihres Einkommens spenden als Reiche. Anhand von Zahlen einer US-weiten Umfrage rechnete die Dachorganisation der amerikanischen Wohltätigkeitsverbände vor: Haushalte mit einem Jahreseinkommen von weniger als 25.000 Dollar spenden 4,2 Prozent ihres kümmerlichen Budgets, Reiche ab 100.000 Dollar aufwärts geben dagegen nach eigenen Angaben nur 2,7 Prozent ab.

Ein ähnliches Bild ergab sich, als Wohltätigkeitsforscher der in San Francisco ansässigen New Tithing Group sich nicht auf Selbstauskünfte verließen, sondern Steuererklärungen von unter 35-Jährigen auswerteten. Die mit einem Jahreseinkommen von unter 200.000 Dollar spendeten 1,9 Prozent ihres Vermögens. Wer mehr kassierte, stiftete dagegen nur ein halbes Prozent. Das galt sogar für die jungen Großverdiener mit einem Jahresverdienst von über zehn Millionen – neureiche Internet-Unternehmer scheinen nicht besonders spendabel zu sein.
Keltner und seine Kollegen haben sich diese merkwürdige Verteilung der Großzügigkeit im psychologischen Labor genauer angesehen. Einmal ließen sie Studenten das sogenannte Diktatorspiel spielen. Es geht ganz einfach. Die Versuchsperson erhält zehn Spielpunkte, die hinterher in Geld getauscht werden. Die soll sie mit einem Partner teilen, den sie nie kennenlernen wird (und der in Wirklichkeit gar nicht existiert).

Bereitschaft zur Spende

Einen Grund zum Abgeben gibt es nicht – außer dem Gerechtigkeitsgefühl des Probanden. Ergebnis: Teilnehmer, die sich selbst auf der sozialen Stufenleiter tiefer einstufen, teilen fairer. In dieser Studie gaben Ärmere also nicht nur relativ zu ihrem bescheidenen Besitz mehr ab, sondern auch in absoluten Zahlen.

Nun könnte es natürlich sein, dass nicht der fehlende Wohlstand an sich sozialer macht, sondern irgendetwas, was damit zusammenhängt. Vielleicht sind Angehörige der Unterschicht ja religiöser oder politisch weiter links und geben deshalb mehr. Keltners Team wollte aber wissen, welche Folgen es für sich genommen hat, wenn sich jemand in der Gesellschaft unten sieht. Deshalb erzeugten die Forscher dieses Gefühl in einer weiteren Studie auf subtile Weise künstlich.

Studenten bekamen das Bild einer Leiter mit zehn Stufen gezeigt. Ganz oben sollten sie sich die Leute denken, denen es am besten geht – sie haben das meiste Geld, die beste Ausbildung und die angesehensten Berufe. Dann folgte die Frage: Wo würdest du dich im Vergleich zu ihnen selbst einstufen? Dieser Vergleich mit denen ganz oben führte dazu, dass die Studenten sich selbst einen eher bescheidenen Rang bescheinigten. Andere dagegen durften sich mit denen ganz unten vergleichen und somit als etwas Besseres empfinden.

Wie sich zeigte, ist das Gefühl, sozial unten zu stehen, tatsächlich das Entscheidende. Diese Gruppe forderte im Schnitt, dass man 4,7 Prozent seines Einkommens spenden sollte. Die subjektiv Neu-Reichen plädierten dagegen nur für 3 Prozent.

Aber warum sind Menschen großzügiger, wenn sie arm sind oder sich auch nur so fühlen? Weil wenig Begüterte aufeinander angewiesen sind, sagen die Forscher. Reiche können sich um sich selbst kümmern, Arme nicht. Psychologie-Professor Keltner ist selbst in einer armen Gegend aufgewachsen und beschreibt das Lebensgefühl so: „Es gibt immer einen, der dich irgendwohin mitnimmt oder auf dein Kind aufpasst. Man muss sich einfach gegenseitig helfen.“

Weltweite Unterschiede

Dieses Prinzip zeigt sich auch beim Vergleich von verschiedenen Kulturen. Joseph Henrich von der University of British Columbia und seine Kollegen baten Mitglieder von 15 Gesellschaften aus der ganzen Welt zum Ultimatum-Spiel. Ein Spieler erhält dabei ein bis zwei Tageslöhne, doch er darf sie nur behalten, wenn er einem anderen einen fairen Anteil abgibt. Findet der Andere das Angebot nämlich zu niedrig, gehen beide leer aus. Bei den Lamerala in Indonesien, die fürs Überleben aufeinander angewiesen sind, bot der erste Spieler im Schnitt 58 Prozent – wollte also mehr abgeben als behalten. Bei den Machiguenga in Peru, die kaum aufeinander angewiesen sind, offerierte er dagegen nur 26 Prozent.

Doch auch Reiche können großzügig sein – wenn es gelingt, ihr Mitleid zu wecken. Das tat Keltners Team, indem es Versuchsteilnehmern einen Filmausschnitt über Kinderarmut zeigte. Anschließend konnte jeder einzeln einer vermeintlichen anderen Versuchsteilnehmerin helfen. Denn er durfte entscheiden, wie viele zeitaufwendige Aufgaben er der offensichtlich gestressten Frau zuschob und wie viele er selbst erledigte. Ohne den Film übernahmen Teilnehmer aus der Oberklasse kaum mehr als unbedingt nötig. Nach dem mitleidserregenden Film dagegen machten sie einen Großteil der Arbeit selbst. Probanden aus bescheidenen Verhältnissen dagegen halfen auch ohne Film. Offenbar brachten sie genügend Mitleid mit.

Arm sein lässt Menschen aber nicht nur bereitwilliger helfen, es befähigt sie auch, die Nöte anderer überhaupt wahrzunehmen. In weiteren Studien Keltners erkannten Versuchspersonen, die nur einen High School-Abschluss besaßen, die Gefühle anderer besser als die Gebildeteren und somit besser Bezahlten.

Allerdings interessieren sich Reiche auch nicht groß für die Gefühle ihres Gegenübers. Als Keltners Team immer jeweils zwei Studenten zum Kennenlernen zusammenbrachte, spielten die aus besseren Verhältnissen eher mit irgendwas herum, kritzelten nebenbei oder schauten nach neuen Nachrichten auf dem Handy.

„Unsere Daten sagen, dass man nicht erwarten kann, dass die Reichen etwas zurückgeben“, folgert Keltner aus seinen Studien, „das ist psychologisch unwahrscheinlich.“ Denn Wohlstand führe genau zum Gegenteil: „Was Reichtum und Bildung und Prestige und eine gute Position im Leben einem geben, ist die Freiheit, sich auf sich selbst zu konzentrieren.“


Klassenverhältnisse


Während deutsche Forscher
gerne von unterschiedlichen Schichten sprechen, verwenden angelsächsische nach wie vor den hierzulande etwas antiquiert klingenden Begriff Klasse. Das mag damit zusammenhängen, dass die Unterschiede zwischen Oben und Unten in den USA und Großbritannien ausgeprägter sind als in Deutschland. Gemeint ist mit den beiden Begriffen ähnliches.

Welcher Schicht oder Klasse ein Mensch angehört, wird traditionell mit objektiven Maßstäben zu erfassen versucht. Dabei kommt es nicht nur aufs Geld, sondern auch auf die Bildung und das Prestige des Berufs an.
Die Klassenzugehörigkeit objektiv zu bestimmen, ist methodisch allerdings problematisch. So ist unklar, wie sich Geld, Bildung und Berufsprestige zu einer einzigen Größe zusammenfassen lassen, eben der Klasse.

Wohin gehört ein Schriftsteller, der zwar bettelarm ist, aber hohes Ansehen genießt? Viele Forscher interessieren sich daher inzwischen eher dafür, in welche Klasse ein Mensch sich selbst einstuft. Sie messen dies beispielsweise, indem sie ihm das Bild einer Leiter mit zehn Stufen zeigen und ihn fragen, auf welchem gesellschaftlichen Rang er sich sieht. Studien zeigen, dass diese subjektive Klassenzugehörigkeit beispielsweise Gesundheitsprobleme oft besser vorhersagt als die objektive.

Die Klassenzugehörigkeit sagt keineswegs nur etwas darüber aus, wie viel Geld ein Mensch hat oder welche Bildung. Vielmehr entscheidet sie mit über die ganze Identität. So beeinflusst sie, ob jemand zur Wahl geht und welche Musik er hört.

Neue Studien zeigen nun, dass die Klassenzugehörigkeit auch mit darüber entscheidet, wie jemand andere Menschen wahrnimmt und sich ihnen gegenüber verhält.

 

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